Kultur?

Ob wir ins Naturhistorische Museum gehen oder ein experimentelles Theaterstück ansehen, Überwachungskameras und Monitore installieren, Leute anstellen, die diese überwachen und noch mehr Leute anstellen, die nach dem Rechten sehen oder uns stattdessen achten, wenn wir uns begegnen und Zivilcourage zeigen, ohne dass uns jemand dafür bezahlt, ob wir respektvoll miteinander diskutieren und Differenzen ausräumen oder ob wir uns gleich die Köpfe einschlagen, all das ist Ausdruck unserer Kultur.

Wie wir dem Fremden begegnen, Freunden die Hand schütteln oder unsere Nasen aneinander reiben, zuhause vor dem Fernseher hocken oder lieber auf ein Dorffest gehen, ist Ausdruck unserer Kultur. Wieviel wir arbeiten, welchen Wert wir unserer Arbeit beimessen, wie hoch wir die Arbeit anderer wertschätzen und womit wir diesen Wert aufwiegen, wieviel Zeit wir ins möglicherweise Ungenutzte investieren und wie wir das rechtfertigen, all das ist Ausdruck unserer Kultur. Und noch viel mehr: Es entscheidet darüber, wie wir unsere Kultur, unsere Art des Zusammenlebens weiterentwickeln.

Wir brauchen uns also nicht die Köpfe darüber zerbrechen, wieviel Kultur wert ist. Sie ist einfach. Ursprung, Alltag und Schicksal. Doch es lohnt sich, darüber nachzudenken, wie wir uns kultivieren können, wie wir uns an unsere Wurzeln erinnern, wie unsere Gegenwart gestalten und welche Art von Zukunft wir haben wollen. Als Individuen und als Gesellschaft. Wenn wir das wissen, vor allem, wenn wir wissen, wie entscheidend die herrschende Kultur ist, ergibt sich der Rest von ganz allein, ganz konkret und ganz im okönomischen Sinne von «Ziele – Massnahmen – Mittel». Ebenso vernünftig wie lustvoll. Vorbei die Debatten um Hoch- und Breitenkultur und die entsprechenden Verteilkämpfe. Weil dann genug da sein wird für etwas, das es uns wert ist. Weil wir dann bereit sind, alles daran zu setzen.

Vor diesem Hintergrund sollten wir uns ganz konkret fragen, ob beispielsweise und unzweifelhaft die Installation von Videokameras jemals ein Verbrechen verhindert hat. Flächendeckend. Oder ob nicht doch die soziale Kontrolle, die gegenseitige Beachtung dauerhaft dafür sorgt, dass die meisten Verbrechen gar nicht erst stattfinden. Sollte letzteres der Fall sein, fragt sich doch, warum wir trotzdem in ersteres inverstieren. Nur als interessantes Beispiel. Interessant vor allem, wenn wir uns überlegen, was wir mit dem Geld, welches nun nicht in Überwachungsmassnahmen gesteckt würde, anfangen könnten. Ganz abgesehen davon, dass wir es auch gar nicht erst verdienen oder als Steuern abliefern müssten. «Kultur» wird unterschätzt. Doch ist sie das einzige, was wir unserem Urprogramm «Kämpfen oder Fliehen» entgegenzusetzen haben. «Kultur» wird falsch verstanden bzw. mit Kunst verwechselt. Es ist keine Kunst, jemandem die Hand zu reichen, aber Teil unserer Kultur. Doch die Kunst kann dazu anregen, jemandem die Hand zu reichen. Darum ist sie auch so wichtig. Wenn ich mich bei diesen Gedanken nicht völlig irre, müsste die Kultur und die dazu notwendige, weil der Bedeutung der Kultur angemessenen Kulturpolitik einen Stellenwert haben, der jenem von Bildung, Sicherheit, Wirtschaft und Sozialem, gleichgestellt ist.

Aber es ist schon spät.

(Erschienen auf Facebook am 26. April 2016)

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