Ach … Kinder.

Als ich in den späten 70er-Jahren des letzten Jahrhunderts ins Arbeitsleben trat, war noch vieles aus dem Nichts möglich. Ich wusste beispielsweise noch 14 Tage vor Antritt meiner kaufmännischen Lehre nicht, welche Ausbildung ich machen sollte. Dann ging alles plötzlich sehr schnell. Auch durfte ich kurz nach meiner Lehre die Export-Abteilung einer Seidenfirma in Zürich leiten, einfach so. Man traute mir das zu. Ich traute mir das zu. Es passte.

Damals war die Wirtschaft noch weit davon entfernt, Diplome für erfolgreich ausgefüllte Excel-Sheets auszustellen, die auch noch europaweit Gültigkeit besassen. Auch wurden Zertifikate nicht automatisch mit Fähigkeiten oder – im Umkehrschluss – das Fehlen von Zertifikaten mit einem Mangel an Know-how gleichgesetzt. Die Patrons und Patroninnen (dünn gesät) waren bei ihren Anstellungsgesprächen noch auf ihren gesunden Menschenverstand und auf Einfühlungsvermögen angewiesen. Heute zählen sie scheinbar die Qualifikationen (das, was jemand auf dem Papier gelernt hat) zusammen und errechnen daraus die Eignungswahrscheinlichkeit und den künftigen Lohn. Zwar gab es auch in den 80ern viele Blender. Aber was sich jemand selbst beigebracht hatte, zählte auch. Heute werden Heerscharen von erfahrenen Berufsleuten zu Kursen in Dingen, die sie schon längst praktizieren und zum nachträglichem Titelerwerb gezwungen. Eine ganze neue Branche lebt davon. Doch zu meinen Kindern:

Schöne neue Medienwelt

Mein Stiefsohn hat sich ein Studium der Medien- und Unternehmenskommunikation angelacht, just in einer Phase, in der sich die Medien selbst verwaltigen, in der überschüssige Journalistinnen und Journalisten Schlagzeilen machen und ehemals angesehene, weil seriös berichtende Zeitungen zu Kampfblättern einer wildgewordenen Markt-Ideologie werden. Armes Kind! Dir werden in der Schule echtes Handwerk und ein ehrenvoller Arbeitsethos beigebracht, und was musst du daraus machen? Dein Alltag – worüber du berichtest und auch wie – wird durch die Ökonomie und die entsprechenden Click-Raten bestimmt. Es wird bei deiner Berichterstattung nicht darum gehen, was die Welt erfahren soll, sondern um das, wonach der Markt zu lechzen scheint. Ich wüsste nicht, womit ich dich trösten könnte, solltest du eines Tages danach fragen.

Oh holde, oh hehre Kunst!

Meine Tochter hat sich in den Kopf gesetzt, Bühnenkünstlerin zu werden. Und hat zweifellos nicht nur das Talent dazu, sondern tut auch einiges dafür. Zwar musste sie – auf Grund von Fehltraining in Kindertagen und daraus resultierenden Abnutzungserscheinungen – eine erste Karriere bereits begraben, kurz bevor sie richtig losging. Doch der nun eingeschlagene Weg – dem zweifellos auch (aber nicht nur) die «romantische» Vorstellung von Britain ‘s got Talent zu Grunde liegt – sieht künstlerisch viel versprechend aus. Künstlerisch. Über den Rest schweige ich mich aus. Es ist besser, wenn sie nicht erfährt, welch’ beschämende Haltung unsere Gesellschaft gegenüber Kunst und Kultur hat. Dass Genialität gratis zum Download zur Verfügung zu stehen hat, davon profitiert ihre Generation ja selber. Wie sie davon dereinst leben soll, wenn Urheberinnen und Urheber wie unfreiwillig freigiebige Idioten dastehen werden, wird sie schon merken.

Da ich mich aber intensiv mit Kulturpolitik und ihrem Dornröschen-Dasein befasse, bekommt sie natürlich das eine oder andere mit: Zum Beispiel, dass die meisten Kunstschaffenden und -vermittelnden trotz grossartigen Leistungen kaum etwas verdienen, dass «Brot und Spiele» auch heute noch ihren Zweck erfüllen und das Arbeitsvolch bei Partylaune halten, dass die Kulturförderung in der Politik – wenn überhaupt – ein Faustpfand und für einige aufrechte Mannen nicht mal ein «Nice to have» ist.
Ihr zu versprechen, dass das eines Tages ganz anders sein wird, wäre mehr als Augenwischerei. Und ihr ihre Ambitionen auszureden hiesse, denselben Fehler zu machen wie meine Eltern.

Schlechte Vorbilder

Ich wäre ja schon froh, wenn ich meinen «Kindern» gegenüber begründen könnte, warum sich Anstand und Respekt oder gar ein politisches Engagament für unsere Gesellschaft lohnen. Doch angesichts des Gebahrens einiger Möchtegern-Herrenmenschen im Nationalrat und auf anderen politischen Parketten gerate ich abermals in Beweisnot. Sie ziehen ja nicht nur ehemals hehre Werte und schöne Wörter in den Dreck, sondern auch jene, die sie beschreiben. Andersdenkende, Fremde, Auffällige, der Katalog wird laufend erweitert.

Ach … Kinder.

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