Über eine Stadt auf zwei Planeten.

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Ich wohne an der Goldküste und arbeite am Limmatplatz. Ich habe mich an die Figuren, die den Platz frequentieren, inzwischen gewöhnt. Hier gibt es viele Arbeitsplätze. Die Verwaltung eines Grossverteilers, kleine Büros, Läden und das entsprechende Personal. Es gibt viele Seitengassen, Bars und Nischen in Hauseingängen. Und das entsprechende Personal.

Gestern führte mich meine Sujet-Suche in die Zürcher «Rentenanstalt» und dann weiter in die Enge und wieder zurück an den See, Richtung Landiwiese. Dort gibt es vollkommen andere Menschen. Menschen, die von den Menschen am Limmatplatz möglicherweise keine Ahnung haben. Sie sagen selbst in der Mittagspause Dinge wie «So ergänzt man das Team mit völlig neuen Skills.» oder «Wenn du die target group erreichen willst, musst du die Performance darauf fokussieren!». Und dazu tragen sie Figur-optimierte Anzüge von Tom Ford, diese Heidi Klums des Asset- und Risk-Managements, in deren Welt abstrakte, aber Strukturierte Produkte entweder performen oder in der Luft zerrissen werden, wenn sie nicht delivern. Ich kann mich nicht sattsehen an diesen Avataren des kalkulierbaren Risikos, bei denen alle Aspekte des Lebens in eine Excel-Tabelle zu passen scheinen. Und passen sie mal nicht, sagen sie: «Der Markt hat falsch reagiert.»

Der Markt, ihr Markt, das sind wir alle.

Wir sind der Markt, ob wir nun eine Versicherung brauchen, einen Kredit oder sonst etwas, das wir uns kaum leisten können. Hat ihre target group ein Gesicht? Eines, das gerade verschwitzt von der Arbeit kommt oder eines, das gerade frisch gepudert dem BeautySalon entschwebt ist?

Ich beneide sie nicht. Keineswegs. Wahrscheinlich leiden sie wie alle anderen auch. Einfach ein wenig anders. Schliesslich sind auch sie Teil der Nahrungskette, stehen unter Druck und in Konkurrenz, haben Familie, Sorgen und Nöte. Und wie andere Junkies kennen auch sie die «Beschaffungskriminalität». Einfach anders. Ich beneide sie nicht. Ich wundere mich bloss. Zum Beispiel über die Tatsache, dass auf so wenigen Quadratkilometern so verschiedene gated communities leben, ohne sich wirklich kennen zu müssen, kennen zu wollen. Aber ich wundere mich nicht darüber, dass «Risiko» so unterschiedlich eingeschätzt werden kann, dass man ein ganz anderes Menschenbild hat, wenn man über die Menschen spricht, dass man überhaupt eine ganz andere Sicht auf Dinge und Situationen haben kann. Und ich bin mir bewusst, dass ich mit «zwei Planeten» selbst eine grobe Vereinfachung formuliert habe. Es sind nicht nur zwei Gruppen. Das sind sie fast nie. Ausser vielleicht bei der Unterscheidung zwischen den Neugierigen und jenen, die es nicht sind. Von letzteren geht eine grosse Gefahr aus. Vor allem dann, wenn sie bei Einschätzungen nur von sich aus gehen. Weil sie nichts anderes kennen.

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