Drei geschenkte Jahre.

Fast auf den Tag genau drei Jahre ist es her, als mir reiner Wein eingeschenkt wurde. Diagnose: Krebs. In einer von zwei Nieren. Was folgte, waren – in kurzer Abfolge – insgesamt fünf weitere Eingriffe und eine äusserst anstrengende Imun-Therapie. Diese Entwicklung zwang mich, mein Leben – etwas Absolutes –  laufend zu relativieren. Bei der letzten Kontrolle wurde bei mir nichts mehr gefunden. Uff. Rückblickend betrachte ich diese Zeit als drei geschenkte Jahre. Und jeden weiteren Tag, jedes weitere Jahr ebenso.

Mein Eindruck, ich sei schon von Natur aus sehr wählerisch und im selben Mass auch direkt, war falsch. In dieser Zeit überdachte ich vieles. Und vieles brauchte ich gar nicht erst zu hinterfragen. Es hat vorher keinen Sinn gemacht und hätte mir fortan nur weitere Probleme eingebrockt. Also ist es von nun an Vergangenheit. Weil ich begann, mit mir bisher unbekannter Härte die Spreu vom Weizen zu trennen, sah ich auch, was übrig blieb und also, was ich zu verlieren hätte. Es blieb noch eine ganze Menge übrig. Zum Glück. Sonst hätte ich wohl aufgegeben. Aber:

Wenn man ‘s mit vorher vergleicht,
fällt das Lieben nicht mehr so leicht.

Seit drei Jahren versuche ich, «da» zu sein. Präsent, bei dem, was gerade ansteht. Anwesend, wo ich zu sein habe und sein will. Klingt eigenartig. Ist es auch. War ich das nicht schon immer? Offensichtlich nicht. Ich weiss nicht, wie das bei euch ist. Mich habe ich jedenfalls dann und wann dabei ertappt, in Gedanken ganz woanders zu sein. Für mich – heute – ein Zeichen dafür, dass ich offenbar etwas tue, das ich eigentlich nicht will.

Zwar will ich nicht das Kind mit dem Bad ausschütten. Aber immer seltener lasse ich es bei einem Gespräch zu, dass andere um den heissen Brei reden, nur um nicht das Unvermeidliche aussprechen zu müssen. Also sage ich es eben. Tut zwar weh. Aber nur kurz, im Vergleich zu end- und fruchtlosem Lavieren.

Denn so, wie stur nicht stur sein muss, sondern konsequent sein kann, ist hart nicht einfach hart, sondern manchmal einfach nur pragmatisch.

2019

Das vergangene Jahr war arbeitstechnisch und mit all den ehrenamtlichen Beschäftigungen eine einzige Tour de Force. Ab und an mit Schmerzen verbunden, die ich meist sofort beherzigte. «Weniger ist mehr» hat endlich seine volle Bedeutung gewonnen. Entsprechend viel Anerkennung hat mir dieses letzte Jahr eingebracht, wofür ich extrem dankbar bin. Jemand in meinem Büro hat davon gesprochen, «dass ich meine Chance gepackt» habe. Eine interessante Feststellung, deren ganze Tragweite wohl nur ich selbst bemessen kann. Doch immer wieder taucht die Frage auf: Mute ich mir zu viel zu? Muss ich da oder dort mitmachen? Was wird gewonnen, wenn eine Entscheidung hinausgezögert wird?

Endlich Ferien.

Nun hatte ich erstmals seit langem wieder Ferien. Vier Wochen am Stück. Ich war nirgends, habe kaum etwas gemacht (ausser ein paar Bilder, vielleicht für eine nächste Ausstellung) ein wenig gelesen – Adorno und Wikipedia, Fiechter und Wikipedia, öffentliche Briefe vom rechtsradikalen Tellkamp, den einen oder anderen Essay von Bärfuss und anderes – und über die Liebe nachgedacht, an die ich nach wie vor keine Bedingungen stelle, aber merke, wie sie mir bedingungslos schwerer fällt. Denn ich habe seit jeher ein gutes Gespür für Orte, an denen das pralle Leben lebt. Und wo eben nicht. Und dasselbe kann ich über die Menschen sagen. Und ich vermisse jede Minute, die ich nicht an einem Ort verbringe, der mich wie ein Kaminfeuer wärmt.

Das pralle Leben, dessen Wärme, zieht mich magisch an.

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4 Gedanken zu „Drei geschenkte Jahre.“

  1. Lieber Stefan,
    ich hatte keine Ahnung vom Krebs – Susann hat nie was gesagt – und ich lese per Zufall hier zum ersten Mal darüber. Vielleicht, weil ich immer weniger auf Facebook wohne, sondern vermehrt das Fenster zum analogen Leben öffne. Keine schlechte Aussicht übrigens. Wie auch immer: Nachdem eine nahe Freundin die letalste Form der Leukämie überlebte (ich layoutete bereits die Todesanzeige. Echt jetzt) mit dem Credo “Ich nicht. Aber sicher nicht”, freut es mich sehr, dass auch Du es geschafft hast.
    Was Du so treibst, weiss ich nicht genau, habe mal was von Genossenschaftsverwaltungen aufgelesen, und die SP wird wohl noch immer das Mass der politischen Dinge sein.
    Ich habe sowas von die Nase voll von Druckindustrie und Business und Kohlemachen und locker und lässig sein und versuche meine Firmen fair und sozialverträglich zu übergeben (würg!) / verkaufen. Ich mag nicht mehr, hab lange genug die geschützte Werkstätte unterhalten.
    Nun ja, vielleicht sieht man sich mal wieder bei Deiner oder meiner Ausstellung oder so.
    Ich wünsche Dir auf jeden Fall alles Gute, schöne Ostern und vorsorglich für jedes Jahr frohe Weihnachten. Thomas

    1. Lieber Thomas

      ja, das Leben (in einem) schlägt manchmal ganz verrückte Haken. Und dann geht es weiter, statt zu enden. Ich nehme es als Hinweis, keinen Tag mehr zu verschwenden. Möglichst. Das war auch der Grund, warum ich die Nase voll von der Werbung hatte und nun die Kommunikation für den Verband der Wohnbaugenossenschaften im Kanton Zürich mache. In unserem Alter ist es Zeit, erfüllende Aufgaben zu erledigen. Dazu gehört auch und vor allem das analoge Leben, die direkte Begegnung, klare Worte in den Augen des Gegenübers. So kann ich verstehen, wenn du deine Druckerei aufgibst. Der Branche wurde der Stolz genommen. Dabei locker und lässig zu wirken und uns dazu auch noch einen Hipster-Bart wachsen zu lassen… dafür sind wir zu jung und zu klar im Kopf.

      Es wäre schön, wenn sich nächstens eine Gelegenheit für ein Wiedersehen böte.

      Danke für deine Zeilen. Ich wünsche dir Gesundheit. Liebe Grüsse | Stefan

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