Hart erarbeitete Narrenfreiheit.

Was ich und andere so treiben auf den sozialen Medien, ist nicht nur spannend, erheiternd oder betroffen machend. Es hat auch Konsequenzen. So musste ich mir einerseits meine Narrenfreiheit* hart erarbeiten. Nicht wegen den anderen. Sondern wegen mir. Es braucht einiges um mir zu erlauben, was ich mir erlaube. Und das ging nicht von heute auf morgen. Andererseits wurde ich immer wieder von Menschen gefragt, ob denn dies nicht heikel sei, so öffentlich. Und so mutig. Und frech. Oder derb. Was auch immer. Tatsächlich hat das Ganze seinen Preis: Dass mich in letzter Zeit noch jemand hätte abwerben wollen, so, wie es früher öfter geschah, kann ich nicht behaupten. Wahrscheinlich wirke ich unseriös. Das sagen sogar Leute, die dann und wann toll finden, was ich mache. Aber anstellen würden sie mich nie. Viel zu gross ist ihre Angst, mein Ruf könnte mir vorauseilen und ihrem Business schaden…

Schwäche zeigen und «falsche» Bilder.

Ausserdem habe ich – darauf wurde ich wiederholt aufmerksam gemacht – Schwäche gezeigt: Meine Krebserkrankung «öffentlich» zu machen, schade mir doch, zeige mich verletzlich und so weiter. Nun, zum Glück sehe das nicht nur ich ganz anders. Aber es stimmt schon: Die Gefahr, dass ich nur noch als krank oder nun als der Genesene wahrgenommen werde, besteht.
Damit kann ich so leben, wie ich früher damit leben konnte, wenn ich nur als Poet oder von all jenen, die mich auf der Bühne erlebten, nur als Musiker gesehen wurde. Damit kann ich genauso leben, wie wenn jemand sagt: «Jetzt muss er auch noch Bilder machen», ohne zu wissen, dass die bildende Kunst die ersten Auswüchse meines ausdrücklichen Lebens markieren. Oder wenn Leute, die mich noch in einem anderen Lebensabschnitt kennenlernten, mich fragen: «Aber du machst doch Politik..?»
Dabei war ich doch eigentlich immer nur der Bürogummi.

Wie man gesehen wird.

Darauf hat man sowieso nur begrenzt Einfluss. Und nur allzu schnell verschwindet man in jemandes Gedankenschublade, zugeordnet zu Dingen, Umständen, Erlebnissen, zu denen man für diese Person nun für lange Zeit gehört, ohne noch etwas dazu zu sagen zu haben.
So ist es sinnvoll, ihm auch nur begrenzt Wichtigkeit beizumessen. Wie auch seinem Selbstbild. Die gesparte Zeit lässt sich trefflich nutzen: Andere studieren, ihnen meine Aufmerksamkeit und Präsenz schenken (so sie denn wollen). Mir Gedanken machen oder auch mal keine. Und wenn sich meine Gedanken nun einmal mehr – oder weniger – wieder bloss um meinen eigenen Bauchnabel drehen, dann soll es zumindest erleichternd sein.
Wenn dann auch noch andere etwas davon haben, umso besser.

Aktuell und von nahem betrachtet.

Obiges Bild hält den Moment fest, in dem gerade Halbzeit ist bei meiner aktuellen Immuntherapie. Ausgelaugt, schlapp wie ein halbnasser, halb starrer Waschlappen, der versucht, wieder zu Kräften zu kommen, obwohl er weiss, dass er Ende Woche die nächste Ladung verpasst bekommt…
Im Zug auf dem Weg zur Arbeit höre ich den Leuten zu, sehe ihre Finger über die Displays huschen und frage mich, ob ich nicht doch hätte zuhause bleiben sollen. Zu spät.

*Diesen Beitrag widme ich Silvia Meier von MIAH, die mit ihren Beiträgen nicht nur grossen Mut beweist, sondern auch andere dazu ermutigt, zu ihrer Schwäche (als Teil von sich) zu stehen. Silvia hat sich kürzlich selbst in einem Beitrag eine Lüge eingestanden, nämlich einmal auf die Frage «Wie geht es dir?» mit «Gut.» geantwortet zu haben, obwohl es gar nicht stimmte. Ich kann es nachvollziehen. Es lohnt sich aber nicht.

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