Hier geboren. Hier, eben hier. Eben.

Ich lebe in einem Land, in dem die Grenzen zwischen Recht und Unrecht allmählich verwischen, das Gleichgewicht zwischen Rechten und Pflichten zu Gunsten von persönlichen Vorteilen vernachlässigt, Fortschritte hauptsächlich durch Technik und Wirtschaft definiert und Sozialkompetenzen zwar hochgelobt, aber wieder fallengelassen werden, da  sie sich nicht aussagekräftig  in Excel-Tabellen erfassen lassen.

Ich lebe in einem Land, in dem Respekt, Achtung und Anstand einer Wut weichen, die letztlich auf Angst gründet, einer diffusen Angst, etwas zu verlieren, das man gar nicht richtig zu schätzen weiss und auch nicht weiss, woher es kommt, in einem Land, in dem Stille ein Fremdwort ist, der inflationäre Gebrauch von Worthülsen offenbar in keinem Widerspruch zur idealisierten Effizienz zu stehen scheint, in dem Füllwörter die Stille überbrücken helfen und die Stille selbst meist nur noch als peinlich empfunden wird, in dem die sozialen Medien das Soziale verdrängen und die Akademisierung so weit fortgeschritten ist, dass Diplome mehr zählen als tatsächliche Fähigkeiten. Ich lebe in einem Land, wo nur das Zählbare zu zählen, nur das Verkäufliche einen Wert zu haben scheint und die Option auf Glück wichtiger wird als das Glück selbst.

Ich habe die Chance, Mitte Zwanzig auszuwandern, abgelehnt mit der Begründung, es gebe einen Grund, warum ich hier geboren sei.

In diesem Land habe ich Menschen kennengelernt, die mir ans Herz gewachsen sind, auch wenn diese es vielleicht nicht merken, da ich mich so selten bei ihnen blicken lasse. Menschen, die Herz und Verstand auf der Zunge tragen und mich auch deshalb begeistern – idealerweise in Augenblicken, in denen mir meine Lebensgeister Streiche spielen. In diesem Land habe ich Dinge erlebt, die mich zum Staunen, zum Nachdenken und ins Schwärmen brachten, von einer idealen Welt träumen und mich wohlfühlen liessen.

Ich habe als Hofnarr Toleranz und Achtung erfahren, fühlte mich in meinen besten Momenten sogar sicher und geborgen, selbst dann, wenn mir andere weismachen wollten, ich sei alles andere als sicher und mein innerer Frieden nur zum Schein. Dabei bin ich einer der wenigen, die meinen inneren Frieden ernsthaft in Gefahr bringen können. Und davor schützt mich keine Grenze, kein Auswandern und auch sonst nichts. Denn: ich werde mich nicht los. Und ihr mich so schnell auch nicht.

Ich wünsche uns viele inspirierende Begegnungen, An- und Augenblicke.

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