Ich sehe die Welt.

Eine Gestalt im Vorbeiflug.

Ich benutze die öV. Streckenunterbruch zwischen Rotkreuz und Luzern. Ich fahre also von Zürich über Aarau und Olten nach Luzern. Ich gewinne damit eine Dreiviertelstunde mehr Zeit, um über das Mögliche nachzudenken. Zum Beispiel über Beziehungen. Und: Ich sehe die Welt. Industriezonen mit Wellblechhallen, gestapelten Betonelementen, abgewrackten Kränen und Autos, sehe kultivierte Landstriche und die Schneeberge. Licht und Dunkel wechseln sich ab, und dann und wann reisst auch der Mobilfunk-Empfang ab. Eine von zehn Personen ist nicht mit ihrem Handy beschäftigt – eine Anomalie in meiner Matrix.

Beziehungen.

Wenn wir doch alle anders sind, warum geben sich dann so viele gleich? Wenn der Sinn des Daseins das Sein selbst ist, warum schlagen dann so viele, kaum dass sie einen Sitzplatz erobert haben, ihren Laptop auf und geben sich dem Handeln hin? Wie sollen wir zu anderen eine gute Beziehung aufbauen, wenn wir zu uns selbst ein gestörtes Verhältnis haben? Beziehungen. Ich war schon lange nicht mehr so richtig draussen, an der frischen Luft. Seit meiner Erkrankung habe ich meinen Radius stark eingeschränkt. Aber jetzt, wo das Gröbste fürs Erste überstanden scheint, könnte ich ja wieder mal…
Womit haben wir uns eigentlich beschäftigt, bevor uns Mails, Zatoo und YouTube überall erreichten? Mit unserem Gegenüber? Auch wenn das gerade Nägel kaute? Beziehungen… Verabschieden wir uns voneinander mit dem Bewusstsein, dass es das letzte Mal sein könnte? Begrüssen wir uns wie zwei, die gerade wirklich präsent sind, wie ein kleines Fest? Warum nicht? Schütteln wir uns die Hände, um den anderen am ausgestreckten Arm verhungern zu lassen? Küssen wir in die Luft, weil wir sie zum Atmen brauchen?

Stellungsspiel.

Ich sitze im RegioExpress irgendwo zwischen Olten und Luzern. Wer an den Stationen zusteigt, bringt sich sofort vorteilhaft in Stellung. Mein neues gegenüber schlägt abwechselnd ein wohlgeformtes Bein ums andere übereinander. Bequemer scheint es dadurch aber nicht zu werden. Auch fallen die Haare immer wieder ins Gesichtsfeld. Später – beim Aussteigen – werde ich bemerken, dass sie starke X-Beine und gröbere Probleme damit hat. Meine Sitznachbarin direkt neben mir starrt im Tunnel minutenlang auf eine eingefrorene Szene von «Gute Zeiten – schlechte Zeiten», bevor sie merkt, dass es wohl erst weitergeht, wenn der Zug wieder ans Licht kommt.
Ein Abteil weiter klappert die Tastatur eines Laptop, gegenüber trommeln zwei Daumen im Staccato eine SMS nach der anderen. Was haben wir mit unseren Händen, unseren Fingern gemacht, bevor diese kleinen, an sich grauen Funkmasten im Taschenformat auf den Markt kamen? Getastet? Uns berührt? Sie in die Taschen gesteckt? Zur Faust geballt? Ich weiss es nicht mehr. Aber ich habe meistens zwei Hände frei. Um besser zu begreifen. Um das Loslassen zu lernen. Um dann von neuem etwas zu ertasten. Denn ich habe keine Hoffnung. Ich bin neugierig.

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