Kalt.

Es geht mir gut. In ein paar Tagen werde ich 56 Jahre alt. Es geht mir gut. Die Tage sind zwar nicht mehr lang genug, um mein Morgengesicht vollständig zu entfalten, bevor ich wieder zu Bett gehe. Aber es geht mir gut. Und die nächste Kontroll-Spiegelung sowie die darauf folgende nächste Therapie-Serie stehen auch an. Es geht mir gut.

Ein wenig nervös vielleicht. Aber das Zittern ist hauptsächlich der Kälte des Winters geschuldet. Nicht meine Jahreszeit. War sie noch nie. Aber statt mich zu verkriechen, bin ich fleissig wie alle anderen auch. Es geht mir gut. Was soll ich auch anderes sagen? Jede andere Antwort hätte womöglich eine Nachfrage zur Folge, die ich nicht beantworten könnte oder wollte. Wie soll ich jemandem erklären, wie es sich anfühlt, wenn die Kälte meine Seele auffrisst und dass dagegen kein noch so esoterisches Kraut gewachsen und auch kein pharmazeutisches Produkt dafür entwickelt worden ist?

Darum geht es mir gut. Auch dann, wenn ich einmal mehr nicht verstehe, warum Menschen unter Menschen nicht Menschen ansehen, sondern auf kleine Displays starren. Rodin würde heute keinen Denker modellieren, sondern einen Glotzer. Mit einem kleinen Twist beim Handgelenk.

Time is running. Warum sie also auch noch totschlagen, die Zeit? Wo sie doch eh viel zu knapp bemessen ist und niemand weiss, wann sie abläuft. Es geht mir gut. Ich kann leben mit meinem Unverständnis. Und mit meiner Zerrissenheit. Denn ich habe einen Weg gefunden, diese Zerreissprobe, dieses Gefühl vom Bersten – vielleicht ist es auch ein Auseinanderbröckeln –  zu visualisieren. Wenn das Resultat zu keiner Ausstellung führt, war es immerhin eine gute Therapie. Eine Therapie für jemanden, dem es gut geht.

Das Herz fragt nicht. Es schlägt einfach weiter. Und manchmal auch Alarm. Es geht mir gut. Ich stehe mit beiden Beinen auf dem, was wir gemeinhin als Boden der Tatsachen bezeichnen, wohlwissend, dass dies nur eine und bei weitem nicht die denkbar beste aller möglichen Realitäten ist. Es geht mir gut.

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2 Gedanken zu „Kalt.“

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