Kulturlobby Winterthur – eine Erfolgsstory

Mitte 2012, kurz nach den Wahlen, läuteten in Winterthur die Alarmglocken: Das Budget der Stadt war aus dem Lot. Es drohte ein zweistelliges Millionenloch. Schuld sei dies, Schuld habe das. Auch der «ungerechte» Finanzausgleich (Zentrumslasten bzw. -leistungen) wurde als Grund genannt. Doch an ihm gab es nichts zu rütteln. Also zückten einige grosse Gemeinderäte flux den Rotstift um zu sehen, wo denn gespart werden müsste. Der Vorgang hat mich an meine Schulzeit erinnert:

Noch bevor mein Aufsatz das Pult des Lehrers berührte, hatte dieser schon den Rotstift zur Hand. Er ging also davon aus, dass daran etwas falsch sein musste.

Schnell wurde die Spreu vom Weizen – sprich «gebundene» von anderen Kosten getrennt. Das für mich als Laien Erstaunliche daran: Kulturausgaben sind keine gebundenen Kosten, sondern der reine Luxus*. Also konnte man dort getrost sparen. Im Handstreich wurde das gültige Kulturleitbild ausser Kraft gesetzt, noch bevor ein neues auch nur ansatzweise existierte. Damit war der Weg mental frei, einfach alles, was kulturförderlich war, in Frage zu stellen und vor allem die Subventionsverträge auszusetzen. Auch wurden sogleich einige Institutionen als Opfer ausgemacht, die die eine oder andere Fraktion schliessen wollte.

Dies schreckte die zahlreichen Kulturinstitutionen Winterthurs auf. Bei einem ersten Treffen erschienen grosse wie kleine Institutionen sowie zahlreiche Veranstalter. Tanz, Musik, bildende Künste, Museen, Theater und Film waren vertreten. Die Stimmung war aber nicht nur bedrückend, sondern irgendwie auch aufgekratzt. Mir ist als erstes aufgefallen, wie zahlreich und vielfältig wir sind und dass sich daraus doch eine Stärke ableiten liesse. Vorausgesetzt, die Grossen machen mit, und die Kleinen lassen sich nicht gegeneinander ausspielen.

Nach mehreren Treffen (über die Monate) kristallisierte sich nicht nur ein grosser Konsens, sondern auch eine Art Kerngruppe heraus und – ganz wichtig – ein unausgesprochenes Vertrauen in diejenigen, die sich für die Kulturlobby exponierten.
Ein Beispiel: Als die Budgetdebatte 2013 anstand, meldeten sich per per Mail nicht nur jene, die die Polit-Abordnung stellen wollten. Ihnen wurde auch per Mailbeschluss das Vertrauen ausgesprochen, die Kulturlobby gegenüber den politischen Gremien zu vertreten. So machten wir uns zu dritt auf, nicht nur die Bildungs-, Sport- und Kultur-Kommission BSSK zu besuchen, sondern sämtliche Fraktionen (mit Ausnahme der EDU, selbstverständlich). Dort war das Interesse an der bislang unbekannten, aber beeindruckend zielstrebigen Kulturlobby Winterthur gross. Wer stand dahinter? Was bezweckte die Lobby?

Kurz darauf wurde die KL angefragt, am neuen Kulturleitbild bzw. in den verschiedenen Spur- und Leitplankengruppen mitzuwirken. Immer wieder tauchte – vor allem seitens der Behörden – die Frage auf, ob die Lobby als Verein nicht ein ernster zu nehmender Gesprächspartner wäre.
Selbstverständlich war dies auch innerhalb der KL immer wieder Thema. Gewisse befürchteten, dass das Ganze dann zu elitär, zu institutionell würde, eventuell nur noch die Interessen der Institutionen vertreten würden oder alles auseinander brechen würde. Tatsächlich gab es auch eine hitzige Diskussion darüber, wer denn Mitglied werden dürfe: Professionelle Institutionen, Hochschulabsolventen mit Kultur-Flugbreuvet an der Wand oder einfach alle, die sich für Kultur einsetzten. Parallel dazu wurde – wenn auch nur kurz – darüber diskutiert, was denn nennenswerte Kultur sei und was nicht. Ich erinnere mich noch, wie ausgerechnet Sämi Roth (Direktor des Musikkollegiums, also eines hochprofessionellen Leuchtturms) aufstand und sich laut und deutlich gegen jegliche elitäre Kriterien und für eine offene Lobby für grosse und kleine aussprach. Ich bin ihm noch heute dankbar dafür.
Darauf baute unser Entwurf für die Statuten des künftigen Vereins Kulturlobby. Und so wurden diese Statuten am 24.11.15 – bei der Vereinsgründung – auch verabschiedet.

Deine Kultur ist nicht besser als meine. Mein Theater ist nicht wichtiger als dein Konzertsaal. Leuchttürme sind nicht wichtiger als Kleinkunst, denn dort werden die Stars geboren.

Seither bekam der Vorstand der KL die verschiedensten Anregungen und Anfragen. Und bemüht sich redlich – grösstenteils ehrenamtlich oder gegen eine bescheidene Entschädigung – die verschiedenen Möglichkeiten wahrzunehmen und Wünschen nachzugehen.
Die Kulturlobby Winterthur zählt heute 70 Kultur-Institutionen und zahlreiche Einzelpersonen zu ihren Mitgliedern. Sie verfügt über eine hochmotivierte und hellwache Geschäftsstelle, ist Ansprechpartner für Verwaltung und Politik, hat die parlamentarische Gruppe Kultur mit Gemeinderäten aller Parteien (ausser der EDU) ins Leben gerufen und wird regelmässig zu verschiedenen Themen/Sitzungen eingeladen, um Stellungnahmen und Ideen gebeten und bei diversen Fragen betreffend Standortförderung an Board geholt.

Das Wichtigste aber: Die Kulturschaffenden haben nach aussen, aber vor allem gegen innen ein anderes Bewusstsein geschaffen. Dementsprechend hat sich das Klima, die Haltung stark verändert. Nicht Bittsteller, sondern Dienstleister und wichtige Gesprächspartner, nicht Einzelkämpfer oder gar Konkurrenten, sondern interessante Bekannte für gemeinsame Projekte.

Und: Diese Erfolgsstory geht weiter. Doch etwas ist jetzt schon klar:

Kulturschaffenden und Veranstaltern fällt kein Zacken aus der Krone, wenn sie sich kulturpolitisch für ihre Anliegen stark machen.

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2 Gedanken zu „Kulturlobby Winterthur – eine Erfolgsstory“

    1. Aktuell? Die Kulturlobby hat das Angebot, einen Sitz im neu gegründeten House of Winterthur (Standortförderung fusioniert mit Winterthur Tourismus) einzunehmen, angenommen. Es wird sich zeigen, ob die Stimme der Kultur darin gehört wird, oder ob wir nur Feigenblatt sind.
      Auch hat die KL Kontakte in andere Kantone, zu Gremien, die ähnlich organisiert sind und dieselben Ziele verfolgen. Die Vernetzung trägt allmählich Früchte.

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