Nice to have.

Kultur ist nicht etwas, das man an einer Auktion ersteigern und zu den anderen Trophäen an die Wand hängen kann. Muss man auch nicht. Kultur hat man so oder so. Es ist die Prägung, die du und ich im Laufe des Lebens erhalten haben. So gesehen ist Kultur für niemanden «nice to have». Wir haben nicht Kultur, die Kultur hat uns. So etwas wie «kulturfern» gibt es nicht. Oder höchstens als Ausdruck für eine ebenso krampfhafte wie illusorische Distanzierung von der eigenen Prägung.

Durch diese Prägung erwirbt man sich Immunitäten und Affinitäten. Man wird vielleicht immun gegen Kritik. Oder man wird Kunst-affin. Man saugt vielleicht mantra-artig wiederholte Botschaften wie «Ich bin doch nicht blöd», «Geiz ist geil» oder «Jeder ist seine Glückes Schmied» ins sich auf und verhält sich entsprechend egoistisch, kündigt gar den Solidarvertrag mit der Gesellschaft und seinen Nächsten. Oder knüpft ständig neue verpflichtende Verbindungen, weil man das Gefühl verspürt, diesen Trends etwas Grossartiges entgegenhalten zu können.

Kunst, als Teil unserer Kultur, ist für mich – trotz all der Vereinnahmungsversuche durch die Wirtschaft – noch immer ein probates Mittel um auf eben diese Kultur der scheinbaren Individualität einzuwirken und die giftelnden Spaltpilze im Zaum zu halten. Kunst hält mir vor Augen, dass es nebst wirtschaftlicher Performance noch Wünsche und Träume gibt, dass da immer wieder jemand ist, der an meine Mitmenschlichkeit appelliert, mich mit etwas Schönem trösten, mit etwas Wildem aufrütteln oder mit einer Einsicht besänftigen will.

Kunst wirkt.

Wirkt verstörend, wenn sie uns mit unangenehmen Themen konfrontiert. Wirkt versöhnend, wenn sie zwischen uns vermittelt und einander verzeihen lässt. Wirkt integrativ, wenn sie uns zum Feiern zusammentrommelt. Wirkt sozial, wenn sie uns eine Plattform bietet, uns besser kennen- und schätzen zu lernen. Wirkt innovativ, wenn sie uns auf andere, neue Gedanken bringt. Wirkt begeisternd, wenn sie uns eine Alternative vor Augen hält. Mit der erwünschten Nebenwirkung, dass wir damit unsere Kultur «ändern».

Sprache prägt.

Ein Entscheid, den unser Bundesrat kürzlich getroffen hat, zeigt, wie Sprache Brücken zum Unvorstellbaren, Abwägigen und Absurden schlägt und unsere Kultur prägt: Die Schweiz soll neu auch Rüstungsmaterial in Länder exportieren können, in denen interne Konflikte herrschen. Allerdings mit einer Einschränkung: nur dann, «wenn kein Grund zur Annahme besteht, dass das auszuführende Kriegsmaterial im internen bewaffneten Konflikt eingesetzt wird». Dieses Geisteskonstrukt ist fast schon Kunst! Baute man die Dialoge eines ganzen Theaterstücks auf dieser Logik auf, das Publikum käme nicht mehr aus dem Kopfschütteln heraus, und der Veranstalter sähe sich mit einer Sammelklage aufgrund eines «kollektiven Schleudertraumas» konfrontiert. Doch die Sache ist ernst: Es geht hier um «Rüstungsmaterial» mit dem Potenzial, Menschenleben auszulöschen. Hier wird mit entwaffnenden Worten bewaffnet. Wir leben in einer Kultur der beschönigenden Worte für beschmutzende Taten. Ist leider so. Und da kommt die Kultur bzw. die Kunst ins Spiel. Ganz aktuell. Wenn zum Beispiel Robert Menasse in «Die Hauptstadt» die absurden Ränkespiele und Leerläufe in EU-Brüssel beschreibt oder die Ersaufenden im Mittelmeer durch unsere Inszenierung LAMPEDUSA im Kellertheater Winterthur plötzlich Gesichter bekommen. Man kann nachher nicht mehr so tun, als hätte man es vorher nicht gewusst.

Die Kultur, Kunst zu ermöglichen.

Dass ausgerechnet die Volkstribune von heute (die vorgeben, den Bauernstand zu vertreten) zusammen mit dem ehemalig Freisinnigen seit längerem den Standpunkt vertreten, Kultur bzw. Kunst und deren Förderung seien nice to have und also nicht zwingend Staatsaufgabe (obwohl im Gesetz festgeschrieben), will mir nicht in den Kopf: War es nicht Cäsar, der sein Volk in schweren Zeiten mit Brot und Spielen bei Laune hielt? Und diese schweren Zeiten sind wieder da, sofern man der Schwarzmalerei zu Überfremdung, Verlust der eigenen Kultur und Souveränität und den aussterbenden Arbeitsplätzen glauben schenken will. Aber statt die einem Wunschdenken entspringende, eigene Kultur zu fördern, erschöpfen sich Rechtsflüglige darin, andere, fremde Kultur zu verbieten. Als ob sich davon unsere eigene vermehren würde!

Aber auch die Linke hat Nachholbedarf. Nicht punkto Konzepten und Beschlüssen. Davon gibt es weiss Gott genug in den Schubladen. Sondern beim beherzten Engagement. Die Linke hat Angst, ja, es scheint ihr sogar peinlich zu sein, wenn sie jetzt – wo GAV, Gesundheit, Europa und die Welt am Abgrund stehen und ihr Wähleranteil vor den Discountläden vor Angst zittert – mit einem netten kleinen Kulturprogramm nicht nur Wahlkampf, sondern konkrete Politik betreiben wollte.

Lassen wir uns nicht täuschen: Kultur ist nicht nice to have. Wir sind ihr ausgeliefert. Jeden Tag. In jeder Win-Win-Situation, in der es eben doch einen Verlierer gibt. Bei jeder Krankenkassenprämie, die uns ein wenig mehr in den Ruin treibt. Bei jedem neuen Sozialplan, jeder Umstrukturierung mit dem Ziel, die Performance für die Shareholder zu verbessern. Das ist unsere Kultur. Und das einzige, was wir ihr entgegenhalten können, ist die Kunst, auf diese Kultur einzuwirken.

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