Offener Brief zum NZZaS-Artikel «Behäbige Intellektuelle»

schnurrnalismusSehr geehrter Herr Jungen,

ein Artikel allein macht mich noch nicht stutzig. Aber zwei innerhalb weniger Tage, die in dassselbe Horn stossen, schon. Wie Roman Bucheli («Unpolitische Kunst») attestieren auch Sie in Ihrem Kommentar «Behäbige Intellektuelle» der Schweizer Kulturszene Scheu vor der kritischen Auseinandersetzung mit aktuellen Themen.

 Ich habe das Gefäss «Kommentar» als solches durchaus verstanden. «Recherche» wäre mir dennoch lieber gewesen. Haben Sie beispielsweise bei den für Kulturförderung zuständigen Ämtern nachgefragt, wieviele zeitkritische Projekte zwecks Förderung eingereicht wurden? Wieviele davon wieviel (bzw. wenig) erhalten haben? Haben Sie bei Andrew Katumba, Generalsekretär der CH-Kreativwirtschaft (und Film-affin wie Sie) nachgefragt, wie er die Situation einschätzt, vor allem, da der Film in der Schweiz in den nächsten Jahren mehr Förderung erhalten wird?

Apropos Förderung: mit Geldern der öffentlichen Hand ist es (für Produktionen in der Grössenordnung von Heidi u.a.) nicht getan. Welche Sponsoren wollen sich an solchen Nicht-gerade-feel-good-Themen die Finger verbrennen? Dies haben Sie möglicherweise ebenfalls nicht recherchiert, da dieser Aspekt in Ihrem Artikel nicht einmal zwischen den Zeilen herauszulesen ist.

Das Impressum der NZZ erwähnt in Ihrer Kurz-Bio, dass Sie aus Winterthur stammen. Nun, allein das wirklich kleine Kellertheater vor Ort hatte letzte Saison eine Produktion zum Thema Syrien-Flüchtlinge auf dem Spielplan (keine Zeile in der NZZ), diese Saison wird es eine mit dem Titel LAMPEDUSA geben. Ich bin überzeugt, dass anderswo genauso Auseinandersetzungen mit heissen Themen (und der Rolle der Schweiz) stattfinden. Aber:

Wo schauen Sie hin, wenn Sie nichts sehen?

Ich bin extrem gespannt auf Ihre Antwort. Und auch darauf, ob im Nachgang noch eine Recherche und die entsprechenden Resultate in der NZZ zu lesen sein werden.

Beste Grüsse | Stefan Weber Aich

PS: Dieselben Fragen habe ich übrigens eben auch Ihrem Kollegen Roman Bucheli gestellt.

Nachtrag

> Innerhalb von zehn Minuten reagierte Roman Bucheli: Er fragte, ob ich seine Ironie und seine Kritik an Herrn Jungens Artikel nicht verstanden hätte (was ich bestätigte). Ironie in schriftlicher Form unter Menschen, die sich nicht kennen … nun, schwierig, schwierig.
> Einen Tag länger brauchte Christian Jungen selbst. Er schrieb, dass sich seine Kritik explizit auf das Filmschaffen bezieht, was ich ebenfalls nicht gemerkt habe, da es ja nicht nur in diesem Bereich Intellektuelle gibt und er im Artikel auch Opern, Bücher und andere Kunstsparten erwähnt. Auch habe er durchaus schon mehrmals in diesem Bereich recherchiert. Ob er dabei nur die üblichen Verdächtigen befragt hat, geht aus seinem Mail nicht hervor.

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