Schluss mit lustig

Erst wollte ich ja das Bild des Pfadfinders bemühen. Aber da habe ich nur einen Tag mitgemacht, gerade solange, um das begehrte Halstuch und den Gürtel zu bekommen. Ausserdem wurde mir da ein kleines Heftchen in die Hand gedrückt, von dessen Inhalt mir nur zwei Formeln geblieben sind: «Allzeit bereit!» und «Jeden Tag eine gute Tat.» Letzteres versuche ich redlich. Ersteres gewöhne ich mir jetzt ab. 

Das Bild des Pfadfinders ist eigentlich nicht schlecht, um zu beschreiben, worum es mir hier geht. Dann ist mir aber das Bild mit dem aufgeregten Hündchen eingefallen, ein Hündchen, dass eifrig vor seinem Herrchen (oder Frauchen) hin und her rennt um einen möglichst grossen Bereich abzudecken, dem Zerreissen nah, in Erwartung, dass das Bällchen endlich geworfen wird, in welche Richtung auch immer, um wie aus der Pistole geschossen hinterherzurennen und es möglichst schnell wieder zurückzubringen.

So komme ich mir vor. Seit 57 Jahren. Wie ein doofes Hündchen. Also, ich finds doof. Weil… ich bin es leid, allzeit bereit und angespannt bis zum Äussersten vor jemandem zu stehen, der oder die vielleicht sogar vergessen hat, einen Ball zu werfen, obwohl vereinbart.

Das Hündchen amüsiert, wird belächelt. Mehr nicht. Dabei ist es unmittelbare Präsenz pur, allzeit bereit, auf die anderen einzugehen, die Bälle zurückzuspielen und – manchmal auch aus Langeweile – selber immer wieder Stöckchen zu suchen und in Form von Vorschlägen jemandem vor die Füsse zu legen. Dabei läuft es immer Gefahr, weil es ja immer so lustig und aufgestellt ist, nicht ernst genommen zu werden und im schlimmsten Fall zu langweilen. Denn man traut ihm kein Konzept zu, schon gar nicht, dass es dieses Spiel als Teil eines grossen Ganzen versteht und auch seine Funktion darin.
Die Enttäuschung folgt bei Fuss. Wie oft habe ich mich auf jemanden verlassen, wenn er gesagt hat, dass er den Ball zu einem bestimmten Zeitpunkt wirft? Wie oft habe ich deshalb alles andere zurückgestellt um bereit zu sein? Bloss um dann festzustellen, dass der Ball nicht geworfen wird. Oder niemand mehr da ist, wenn ich mit dem Ball zurückkomme. Und wie oft habe ich erfahren, dass man meine angehäuften Stöckchen achtlos liegen lässt? Schwamm drüber und Konsequenz daraus gezogen: Mein inneres Hündchen hat ausgehechelt. Es legt sich gemütlich auf eine Decke in der Ecke und lupft ab und zu ein Augenlid. Mehr nicht.

Anderen Hündchen kann ich nur sagen, dass sie selber wissen müssen, ob ihnen dieses Spiel Spass macht und was ihr Gewinn dabei ist. Den Herrchen möchte ich aber mit auf den Gassi-Weg geben, dass sie die Hündchen brauchen. Denn ohne sie sehen sie auf der Wiese – mit ihrer Leine und dem leicht angesabberten Ball in den Händen – ganz schön bescheuert aus. Und irgendwie sinnlos.

(Dieser Beitrag wird in den nächsten Tagen durch ein paar konkrete Konsequenzen aktualisiert.)

> 11. April 2020 Austritt aus dem Vorstand von Pro Kultur Kanton Zürich

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