Sprechstunde.

Universitätsspital Zürich, Nordtrakt 1 B, ein paar Stühle den kahlen Wänden entlang, schön gegenüber, damit man sich aus den Augen gehen muss. Ein alter Mann geht nervös auf und ab, vielmehr schlurft er. Schräg gegenüber sitzt eine kaum Dreissigjährige, die sonst zum Personal gehört, heute zwar Dienst hat, nun aber gerade selbst Patientin ist und betont locker in ihr Mobile starrt. Keiner spricht. Darum heisst es «Sprechstunde».

Später gesellt sich ein Paar in meinem Alter dazu. Sie nimmt zögerlich eine Frauenzeitschrift, das Titelblatt verheisst «Alles über die Hochzeit» von irgendeinem Prinzel. Auch sie sagen nichts. Ich warte seit vierzig Minuten, gehe meine Fragen, die ich meinem Arzt unbedingt stellen will, im Kopf wieder und wieder durch. Nichts vergessen. Dessen Zeit ist kostbar. Genau wie meine.

Noch ein alter Mann, aber einer mit federndem Schritt, taucht auf. Ein Patient auch er, denn auch er hat Kleber bei sich, die später auf allerlei Proben geklebt und ins Labor geschickt werden. Er schaut sich um, liest alle Hinweise an Türen und Wänden, greift sich schliesslich beherzt eine Ausgabe der «Weltwoche» und setzt sich. Er kommt kaum zum Lesen, blickt er doch jedesmal erwartungsvoll auf, wenn er Schritte im Gang hört. Er wird sicher jeden Augenblick aufgerufen. Nicht. Nun, man weiss ja nie.

Stattdessen ruft eine Stimme mit Gesicht meinen Namen. Ich folge ihr, fülle brav mein Becherchen und warte auf den behandelnden Arzt. Ich mag und schätze ihn. Er ist so ruhig und kühl. Es kommen kaum Signale aus seiner Richtung und doch etwas Freundschaftliches. Umso mehr beobachte ich ihn.
Ich habe ein ORGANigramm von mir vor mir, wobei ich nicht die Organe gezeichnet, sondern sie nur benannt habe, in etwa an jenen Stellen auf dem Blatt, an denen sie ungefähr liegen würden, wenn ich denn ein Blatt wäre. Von verschiedenen Organen gehen Wirkungspfeile aus, die zu anderen Organen führen. «Ich habe all die Untersuchungsberichte und Laboranalysen gelesen. Zwei Mal.» Ich sehe ihn an. Er schaut leicht amüsiert auf das Blatt Papier auf meinen Knien.
«Je nach Lesart ist das ein Schlachtfeld … oder ich bin über den Berg.»
Er antwortet, ein Schlachtfeld sei es nicht. Meine Blase habe nach der Operation keine weiteren Krebszellen mehr gezeigt, mein Herz sei völlig «unauffällig». Und selbst wenn ich ein Loch zwischen den Kammern hätte, würde ich dieses Schicksal mit etwa einem Viertel der hier lebenden Menschen unwissentlich teilen. Meine Lunge sei ebenfalls absolut in Ordnung. Und meine Niere – seine kleine Kunstpause ist mir nicht entgangen – sei gut durchblutet und arbeite fast normal. «Aber … als Krebspatient sind Sie nie über den Berg.»

Ich weiss.

Und der Berg ist noch weit. Und verdammt hoch. Und die Aussicht von dort oben sicher sehenswert. Ich habe noch etwas vor. Noch viel.

Share

4 Gedanken zu „Sprechstunde.“

    1. Ich habe all die Eingriffe, Narkosen und Therapien überstanden. Meine verbleibende Niere ist leicht angeschlagen, die Werte bis auf zwei innerhalb der Norm. Also ok. Ich bin stark genug, die Therapie fortzusetzen.
      Abgesehen von einen angeschlagenen Ego ist alles stärker als zuvor. Und bei dem, was ich tue, weiss ich, weshalb ich es tue. Das ist wohl mehr, als einige von sich behaupten können. Alles ok.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.