Stillstand

Einnicken, wo ich gerade sitze oder liege. Statt hier hin und dort hin keine Bewegung. Ganz einfach. Unbeschreiblich. Was ist passiert? Ist das ein Traum? Spielt es eine Rolle? Wieder einnicken. Etwas Wind ist ok. Danke auch für das Rauschen.

Was jetzt?

Anders als bei der ersten Diagnose, dem ersten Befund vor drei Monaten, ist jetzt nichts klar, nichts leicht und doch auch nichts schwer. So scheinbarscheissegal. Falls es dieses Wort bisher nicht gab: sei hiermit erfunden!
Mehr als 50 Tumore an einem Tag ausgekratzt oder verödet, das ist doch eine gute Quote. Oder etwa nicht? Da könnten noch mehr sein, sagt er. Er will einfach schauen. Zur Sicherheit. In drei bis vier Wochen nochmals. Etwas Wind ist ok, danke.

© Christoph Dill
© Christoph Dill

Ich werde einfach nicht schlau aus dem ganzen. Ist das die Wortwahl, mit der man ein Rückzugsgefecht beschönigt? Ist das Zweckoptimismus? «It’s all in your head.» Das schreibt jemand, der es wissen muss. «So why the fuck do I have cancer on my mind?» fragt jemand, der keine Antwort erwartet.

Einnicken, wo ich gerade sitze oder liege. Was ist anders als vorher? Ich habe keine Hummeln mehr im Arsch. Ganz eindeutig. Und ich hatte viele Hummeln im Arsch. Nun ist dort tote Hose. Es ist nicht schwer, es ist nicht leicht. Es ist einerlei. Irgendwie.
Jemand empfiehlt mir, Kontakt mit den Krebszellen aufzunehmen, ihnen Liebe zu senden und sie auf diese Weise umzuprogrammieren. Genau: Ich entdecke aufs Alter hin mein Herz für Arschlöcher. Love will set’em free, damn! Naja, als Aufwärmübung nehm’ ich mal ganz irdisch Kontakt zum psycho-onkologischen Dienst des UniSpitals auf. Schaden kann es nicht.

Tipp: Wer im Liegen weint, kann mit den richtigen Kopfhörern nasse Ohren verhindern.

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4 Gedanken zu „Stillstand“

  1. Lieber Stefan
    Ich hatte mich gewundert wo Du steckst bei meinem letzten Besuch an der Ausstellungsstrasse und erfahren, dass und warum Du unter’s Messer musst. Es hat mich betroffen gemacht und berührt weil ich dich sehr mag. Helfen kann ich ja nicht wirklich, aber an Dich denken und Dir so mein Mitgefühl (nicht Mitleid) schenken. Ob es dann Dir hilft, oder mir? Für vieles gibt es keine Antworten und keine Sprache mehr. Aber bitte bleibe hier bei uns! Darauf freue mich. Gute Tipps kriegst Du ja wahrscheinlich genug, deshalb lass ich auch das.
    Herz-lich, Herr-lich, Hell-licht
    Peter

    1. Lieber Peter,
      danke fürs an mich Denken. Es ist ein Geschenk. Und es hilft. Gerade in einer Situation, in der ich mich nicht spüre, mich nicht an mir orientieren kann, sondern erst über das Echo. Es ist erstaunlich, wie so vieles im Augenblick.
      Herzlich, Stefan

  2. Lieber Stefan,

    wenn etwas Scheisse ist, ist es Scheisse. Da lässt sich nicht drumrumdenken, fliehen, leugnen. Weinen hilft, wie du offenbar schon rausgefunden hast.

    Zum glück ist niemals alles Scheisse. Und es hilft, seinen Geist zwischendurch auf den schmerzfreien Flecken ganz hinten im Herz, mit Blick auf die guten Dinge zurückzuziehen. Dort eine Weile verbringen.

    Und danach sieht der mit Scheisse befallene Teil des Lebens nicht mehr ganz so grausig aus.

    Fühl dich umarmt.

    Und viel Kraft.
    Reda

    1. Danke Reda.

      Den schmerzfreien Fleck ganz hinten im Herz habe ich offenbar gefunden.
      Sonderbarerweise tut es dort zur Zeit nicht nur nicht weh. Es tut überhaupt nichts.
      Suche noch nach der Meta-Taschenlampe um die Sache auszuleuchten.
      Aber es wird schon.

      Umärmel zurück.

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