Trauer kann süchtig machen. Nach Lachern.

Ich rede zu viel. Ich weiss. Und ich neige – obwohl ich mittlerweile als Erwachsener durchgehe – dazu, mich wie ein Kind in eine Phantasiewelt zurückzuziehen, in der vieles noch möglich ist. Auch oder gerade dann, wenn mir die Schlagzeilen, die Gespräche mit anderen, etwas anderes weismachen wollen. Wenn ich höre, was alles nicht geht, was man einfach nicht machen kann, was als unrealistisch angesehen wird, wird ‘s mir zu eng. Ich kontere dann mit noch mehr Enthusiasmus und noch kindlicheren Ideen. Ich will mir einfach nicht vorstellen, dass das schon alles gewesen sein soll. Und ich will nicht glauben, dass wir so abgebrüht und zynisch enden. Stattdessen rede ich mich ins Feuer, aber hoffentlich nicht in die Hölle der Realität … Weil: Wenn man an eine Idee nicht glaubt, wie sollte sie dann «realistisch» werden?

«Du bist ziemlich begeistert» bemerkte gerade gestern wieder jemand, als ich mich unter Freunden für die Sache der Kulturschaffenden im allgemeinen und speziell für das Engagement der Pro Kultur Kanton Zürich ins Zeug legte. Schlagartig wurde mir bewusst: Ich rede zu viel. Und wirke möglicherweise wie ein Phantast, der einfach nicht sehen will, wie die Dinge stehen. Die nächste Frage lautete dann: «Was habt ihr (zählbares) schon erreicht?» Hm. Gerade weil mir bewusst ist, dass der Spargedanke die Schere im Kopf vieler Leute ist, weiss ich auch, dass es ziemlich viel Anlauf braucht um in der (Kultur)Politik etwas zu bewegen. Zählbares? Wie zählt man Solidarität zusammen? Wie zählt man gesammelte Informationen zusammen? Wie quantifiziert man Qualität, beispielsweise bei den neu geknüpften Kontakten?

Sorry … ich stehe bereits wieder kurz davor, Feuer zu fangen.

Eine schwierige Kindheit als Chance.

Die vom Feuer abgewandte Seite: Ich hatte – wie so viele – eine eher schwierige Kindheit. Meine Eltern waren vollauf damit beschäftigt, das zu tun, was man so tut, was alle eben so tun, wenn sie nicht darüber nachdenken, was sie eigentlich tun. Die klassische Konstellation: Sie gelernte Damenschneiderin und Hausfrau (statt hoch talentierte Fotografin) und er Karrieremann (statt … ja, was eigentlich?). Beide im Prinzip wohl mit demselben Frust. Und ständig auf der Suche nach dem Nächsterreichbaren, nach der nächst höheren Sprosse auf der Leiter in den Himmel der materiellen Glückseligkeit. Ich sage das aus der Perspektive des Erwachsenen, der postum feststellen musste, dass seine Eltern eigentlich Nonkonformisten waren und sich in ihrem Innersten ganz andere Rollen und Beschäftigungen gewünscht hätten. Als Kind konnte ich nur fühlen, dass etwas nicht stimmte, speziell dann, wenn es wieder hart auf hart kam.

Das machte mich zu einem nachdenklichen, in extremen Momenten zu einem traurigen Kind. Und wenn die Trauer übermächtig wurde, machte ich mich zum Narren. Schon früh in der Schule, als Klassen-Clown, der alles durch den Kakao zog, auch den Lehrer, und später als Witzbold in jeder Runde. Ich wurde süchtig nach Lachern, die ich für meine Sprüche erntete und meine Geschichten, die ich erzählte. Immer wenn es mir zu traurig wurde, begann ich mir etwas auszudenken. Unter anderem schrieb ich Gedichte und Liedtexte.
Als ich etwa 18 Jahre alt war (ich hatte längst das Weite gesucht), erfuhr meine Mutter, dass eine Auswahl dieser Texte kurz vor der Veröffentlichung stand. Sie schob Panik und versuchte vergebens, den Vorabdruck «gegenzulesen». Sie fürchtete, dass ich darin unsere gemeinsame Vergangenheit verarbeitet hätte. Etwas später zeigte sich mein Vater stolz, nachdem er sich eingestehen musste, dass meine Phantastereien einen Verlag und als Buch tatsächlich einen Weg in die «Realität» gefunden hatten.

Wer ist hier der Narr?

Mir ist völlig klar, dass ich mich mit meinen verträumten Wünschen, wilden Plänen und meinem Enthusiasmus unter «Realisten» zum Narren mache. Ça me schnurz, wie der Franzose sagt. Jemanden für seinen Wunsch zu fliegen auszulachen, ist eine erbärmliche Art, seinen Neid zu zeigen. Abgesehen davon, dass man sich damit selbst am Boden hält. Und dann – im Erfolgsfall des anderen – das Ganze auch noch von unten bestaunen muss. Wahrscheinlich rührt daher unser Drang, jemanden – kaum dass wir ihn auf einen Sockel gehoben haben – sogleich wieder stürzen zu wollen.
Wer ist der Narr? Jemand, der bestürzt feststellt: «Es steht nichts im Weg.»
Oder jemand wie ich, der realisiert, dass er freie Bahn hat.

Ich weiss: Ich rede viel. Aber ich bin auch ein Kind von Traurigkeit. Süchtig nach Lachern. Mal mehr, mal weniger. Denn Lachen fühlt sich an wie Fliegen. Fliegen ist schön. Aber so’was von.

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4 Gedanken zu „Trauer kann süchtig machen. Nach Lachern.“

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