Unter aller Mensch.

Derzeit laufen gleich mehrere Kampagnen, bei denen das Attribut «faktenfrei» noch weit untertrieben bzw. verharmlosend wäre.
Hier nur drei Beispiele, wobei zwei davon klassische Abstimmungskampagnen sind, bezahlt von mehr oder weniger undurchsichtigen Komitees, und eine Kampagne, die als Medienkampagne bezeichnet werden kann, also losgetreten von den Medien selbst, warum auch immer.

Der Hauseigentümerverband HEV und das Stockholm-Syndrom
Am 28. November kommt im Kanton Zürich ein Energiegesetz zur Abstimmung, das einen 1:1-Ersatz von fossilen Heizungen künftig verhindern soll. Damit wir wenigstens einen Schritt in Richtung Klimaneutralität machen. Das Gesetz wurde von den Räten gutgeheissen und wäre damit im Prinzip durch gewesen. Hätten da nicht die SVP und der HEV das Referendum ergriffen. Und eine völlig verlogene Kampagne losgetreten, in denen sie als Vermieter ihren Mietern unverholen mit Mietzinserhöhungen drohen, und zwar so, als könnten sie selbst nichts dafür. Sie bemühen dabei das Szenario, bei dem die Hausbesitzenden (also sie selber) – würde das Gesetz angenommen – im Falle eines Heizersatzes gar nicht anders könnten, als eine Liegenschaft leerzukünden und komplett zu sanieren (gefolgt von happigen Mietzinsaufschlägen). Sie könnten auch sagen: «Ich muss dich schlagen, weil du es willst.» Dabei hätten sie es in der Hand, ihre schwarzen Schafe zu Anstand zu mahnen. Stattdessen scheinen sie darauf zu hoffen, dass die Mietenden unter dem Stockholm-Syndrom leiden und sich mit ihnen solidarisieren.

Medien schreiben ein Blackout herbei.
Kurz bevor wir über das eben beschriebene Energiegesetz abstimmen, erscheint ein Energiebericht der Stromversorger. Darin werden verschiedene Szenarien zur Energieversorgung der nächsten Jahre beschrieben. Das absolute Worst Case-Szenario spricht davon, dass wir im Jahre 2025 eventuell, wenn alle Stricke reissen und auch noch ein sibirischer Winter hereinbricht, für ein paar Stunden mit Stromunterbrüchen rechnen müssten. Die Medien machen seither sogar aus einem Stromausfall bei einem Lift an der Zürcher Universität ein Blackout, werden nicht müde, den Bericht wieder und wieder aufzuwärmen und beeinflussen im Vorfeld der Abstimmung die Gefühlslage der Bevölkerung. Gleichzeitig wird seit Monaten der kantonale Energiebericht zurückgehalten, der aufzeigen würde, dass Tag für Tag unglaublich viel Energie aus unseren Kehrichtverbrennungs- und Kläranlagen (man könnte dauerhaft ganze Stadtteile, aber auch auf dem Land ganze Dörfer so mit Wärme versorgen) ungenutzt in der Luft verpufft. Diese Meldung wiederum würde ein ganz anderes Bild und eine andere Ausgangslage für die Abstimmung ergeben.

Schwurbler ohne Geschichtsbewusstsein fühlen sich diskriminiert.
Der wahre Höhepunkt menschlicher Niedertracht aber ist die Kampagne gegen das Covid-19-Gesetz, über das wir ebenfalls demnächst abstimmen.


Welch beschränktes Weltbild und welchen Mangel an Geschichtsbewusstsein hier an den Tag gelegt werden, sei mit einem einzigen Satz aus der Argumentation illustriert: «Menschen, die sich nicht impfen lassen wollen oder können, werden vom sozialen Leben ausgeschlossen.» Wohlgemerkt: Die solchermassen verteufelte Zertifikatspflicht gilt hierzulande gerade mal seit einem Monat. Ausgeschlossen vom sozialen Leben? Ähm… wir blicken auf Jahrhunderte zurück, in denen Menschen anderen Glaubens, aus anderen Ländern, anderer Hautfarbe oder Gesellschaftsschicht, aufgrund ihres Geschlechts oder ihrer sexuellen Präferenzen aufs Schwerste diskriminiert, verfolgt, umgebracht und auf andere Weisen vom sozialen Leben ausgeschlossen wurden und noch heute – zum Beispiel mit Rollstühlen – aussen vor sind.

Ich verstehe zwar, dass Kampagnen jeweils zugespitzt werden. Ich kann aber nicht verstehen, wie solcherlei Dreck unwidersprochen in aller Öffentlichkeit stattfinden darf. Nicht zu lügen, aber auch nicht mehr die Wahrheit zu sagen, kann nicht der Massstab sein. Dass inzwischen Bemühungen unternommen werden, wenigstens ein Mindestmass an «Wahrheit» bzw. common sense wieder herzustellen, ist nicht einmal ein schwacher Trost. So verfolgt das Aspen Institute mit der Gründung einer Commission of Information Disorder einen zweifelhaften Ansatz. In einem Artikel der Republik wird deren Aufgabe wie folgt zitiert: «Die Kommission hat den Auftrag, einen Weg zu finden, ‘wie Staat, Privat­wirtschaft und Bürger­gesellschaft gemeinsam unzufriedene Bevölkerungs­gruppen ansprechen könnten, die den Glauben an eine evidenz­basierte Realität verloren haben’. [Und im Nachsatz:] Glaube ist bekanntlich eine unabdingbare Voraus­setzung für evidenzbasierte Realität». Glaube? Sorry. An eine evidenzbasierte Realität muss ich nicht glauben. Oder umgekehrt formuliert: Glaube beginnt dort, wo die Beweise aufhören.

Apropos: Anstand darf nicht dort aufhören, wo Politik beginnt.

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2 Gedanken zu „Unter aller Mensch.“

  1. Seit Tagen liegt bei mir dieses Flugblatt bzgl Abstimmung zum Covidgesetz auf dem Tisch. Seit Tagen überlege ich mir, wie und wo ich meine Wut auf diese verlogenen Aussagen platzieren soll. Du hast es auf den Punkt gebracht und dem gibt es nichts anzufügen. WoW…und Danke Stefan.

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