Unter Menschen.

Der Radio-Wecker plärrt «I got you babe». Morgen. Schon wieder. Ordentlich Wasser auf die Rübe. Gesicht bitte entfalten. War der Ristretto schon immer so wässrig? Noch einen hinterher. Nützt er nichts, so schadet er nichts. Auf dem Weg zur Bushaltestelle dreimal die viel zu kurzen Socken aus den Schuhen und hoch gezogen. Ich betrete das Reich der betretenen Gesichter. Hallo Nachbar. «Guten Morgen!» Muss der Chauffeur so schreien? Im Zug, im Nachbarabteil raschelt eine ältere Frau unablässig mit ihrem Frühstück. Zwei Abteile weiter ein Quengler, der tut, wozu er eben geboren ist. Und seine Eltern sind beide mit dem Mobile beschäftigt.

An jeder weiter Station tropfen neue Menschen hinzu. Einer nimmt halb neben, halb auf mir Platz. «Sie sagen es mir einfach, wenn Sie Ihre maximale Ausdehnung erreicht haben.» Er schaut mich an, als wollte er sagen, ich solle nicht gleich passiv-aggresiv werden.
Aus dem nächsten Abteil erfahre ich die neusten Büro-Intrigen. «Dabei hat der überhaupt kein Nau-hau!» «Ja, das sollte ihm mal jemand sagen.» Solange jemand findet, «man» müsse es ihm mal sagen, wird man es ihm nicht sagen. Weil man ja nichts sagt.
Zwei Kindergartenentlaufene übertrumpfen sich gegenseitig in Coolness, wobei es keine Rolle spielt, ob sie über den sinnlosen Unterricht herziehen oder die 20Sekunden-Headlines so kommentieren, als hätten sie die eh schon kurzen Artikel gelesen. Einer der beiden wird unterbrochen durch das Klingeln einer Push-Meldung. Sein Kopf nimmt wieder die natürliche Haltung der neuen Generation ein, den Kopf nach vorne geneigt, als hätte ihm jemand einen Nackenschlag verpasst.

Die ältere Frau raschelt nun nicht mehr. Sie nestelt. Sucht semi-verzweifelt irgendetwas, das sich eigentlich in ihrer Handtasche befinden sollte. Wie gross kann so eine Handtasche denn sein? Hat dieses Etwas sich verlaufen? Sie gibt auf. Nein! Sie sucht weiter.
Der Herr neben mir hat sich inzwischen mit dem Platz, der ihm zusteht abgefunden, alle Viere widerwillig zu sich genommen. Dafür schnieft er jetzt im Fünf-Sekunden-Takt, sich selber nicht hörend, da ohrverstöpselt in ein Video vertrieft. Jetzt lacht er auch noch! Unverschämtheit. Meine Destination, endlich.

Ich löse mich auf im Strom der Menschen, die in die Strasse und auf die Strassenbahnhaltestelle sprudeln. Ich gehe zu Fuss. Spüre, wie es da und dort zwickt. Bei jedem Schritt klimpert das Kleingeld nervig in meiner Hosentasche. Am Limmatplatz presslufthämmern sie bereits dreistimmig. Reifen quietschen. Die Azubis brüllen sich lustige Gemeinheiten über die Strasse und über meinen Kopf hinweg zu. Einer lässt mich an seinem Telefonat teilhaben. Danke auch. Sein «Und ich so, dann sie so» bringt mich weiter. Im Leben. Und auch sonst.

Ich weiss: ich bin schwierig, heute.

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2 Gedanken zu „Unter Menschen.“

  1. Es gibt ja solche und solche Tage.
    Wenn ich so einen Tag erwische, bin ich wahnsinnig dankbar für meine Kopfhörer mit Noise-Cancelling-Funktion. Die kennst Du bestimmt? Ich wusste bis vor einer Woche nicht, dass es so etwas gibt. Und nun bin ich im 7. Himmel. Je nach Stimmung kann ich zwischen +aus+, +mittel+ und +hoch+ wählen und so meine Aussenwelt an und ausschalten. 🙂

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