Vom lachenden und vom weinenden Auge.

Ich leide nicht Hunger in der Dritten Welt, werde nicht zwangsweise auf unbestimmte Zeit ins Militär eingezogen, habe keine traumatische Flucht übers Mittelmeer hinter mir, kurz: ich jammere wohl auf hohem Niveau, wenn ich nach drei kurz aufeinander folgenden Vollnarkosen den hoffentlich nur temporären Verlust meines Namensgedächtnisses beklage. Oder das Verschwinden der Selbstverständlichkeit des Lebens. Oder den Abschied von einem Körper, der ohne Ende Treppen steigen konnte. Ich bin schlapp, müde nach der kleinsten Anstrengung. Ich kann mich stundenlang nicht an den Namen des Regisseurs von so wahnsinnig schaurig-schönen Filmen wie «Prosperos Books» und «The cook, the thief, his wife and her lover» erinnern.

Und ich habe neuerdings nicht nur  Zuversicht, sondern auch Angst. Schliesslich hat mir der Chirurg versprochen, mir den Bericht der Pathologie (dahin wurde meine tumorvolle Niere geschickt) innerhalb von ein, zwei Wochen zu schicken. Da ich nach drei Wochen noch nichts gehört habe, habe ich angerufen. Er teilte mir mit, dass sich mein ursprünglich als low-grade (wenig aggressiv, langsam wachsend) eingestufter Tumor bei der neuerlichen Untersuchung als high-grade entpuppt hat. Aber er sei «im Gesunden entfernt» worden, also ohne Befund an den Schnitträndern …

Wie immer am Ende solcher Gespräche fällt «Haben Sie noch Fragen? Wenn Sie Fragen haben, wenden Sie sich ungeniert an mich.» Die Fragen fallen mir immer erst hinterher ein. Zum Beispiel diese: Heisst «high-grade» auch, dass ich mit einer höheren Rückfall-Quote leben muss?
Und da bin ich mitten in der post-operativen Phase mit all ihren Ungewissheiten. So sicher, wie ich mich über den «kurativen» Eingriff und die allmähliche Genesung freuen kann, so sehr fühlt es sich immer öfter auch wieder zum Heulen an. Wie gesagt: Niemand hält mir die Pistole an den Kopf oder entführt meine Familie.

Der Krisenherd bin ich, ganz allein.

Ich bin weit entfernt von der unbefleckten Coolness, die mich zuvor fatalistische Sätze wie «Wenn ‘s mich erwischt, erwischt es mich eben!» sagen liess. Ganz egal, ob ich mich ernsthaft mit meiner Situation auseinandersetze (und dabei die eine oder andere künstlerische Arbeit entsteht), oder ob ich mich mit komplett anderen Dingen wie zum Beispiel dem narzistischen Alltag von Politikern beschäftige: Immer wieder entwischt ein klitzekleines Tränchen aus dem Augenwinkel. Und ich kann es nicht verhindern.

So ganz allmählich begreife ich, dass die Schnitterei in meinem Bauch der kleinste Teil der Arbeit war, jener, zu dem ich herzlich wenig beitragen konnte, bloss hinhalten. Nun kommt wohl neben dem Gesunden das Aushalten, das Mut schöpfen und das Relativieren: Ich lebe in einem relativ behüteten Teil der Welt. Und wenn ich aus dem Haus gehe, kann ich sicher die Strasse überqueren, fahren die Züge pünktlich, werden die Löhne überwiesen und das Rechtssystem – wenn auch teilweise weit entfernt von Gerechtigkeit – einigermassen gut gepflegt und nur dann und wann von übereifrigen Regenten zum eigenen Nutzen ausgelegt …

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Ein Gedanke zu „Vom lachenden und vom weinenden Auge.“

  1. … deine worte erreichen & berühren mein innerstes! danke für deine aufrichtigkeit, das zeigen einer “schattensAite”, die dein SEIN plötzlich anders klingen lässt!
    unendlich viel mut & kraft möge für all*dies dein begleiter sein!

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