Von der KUNST, sich in den Schwanz zu beissen und sich auch noch darüber zu beklagen.

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«Dumme Hunde beissen in fade Waden.» (Unbekannter Dichter)

Ich bin gestern über den Beitrag «Unpolitische Kunst – bitte nicht einmischen» im Feuilleton der NZZ gestolpert und habe mich erst köstlich amüsiert, dann aber göttlich aufgeregt. Nun ja, man gönnt sich ja sonst nichts.

Als erstes möchte ich – um nicht in Verdacht zu geraten, neidisch neben dem Futtertrog der Kunst-Szene zu stehen – eines klarstellen: Es kann gut sein, dass das, was ich mache, nicht den Hauch von Kunst hat. Und auch nur den Anschein von Relevanz, dann und wann. Doesn’t matter.

Doch zum Artikel: Er handelt vom Mangel an politischen Aussagen in der aktuellen Kunst und dem Vermissen kritischer Stellungnahmen ihrer Schöpfer. Ein kleiner Ausschnitt: «Was waren das noch für Zeiten, als einer – wer schon wieder? – sein «J’accuse» in die Runde warf! […] Als Günter Grass in Versen donnerte, dass alle Bösewichte dieser Welt augenblicklich erstarrten und von ihrem schändlichen Tun abliessen. Was waren das für Zeiten. Und wie armselig erscheint dagegen die Gegenwart. Jeder Roman eine holde Feier schöner Betulichkeit. Jedes Gedicht von solch schlichter Anmut, dass die Muse Harmlosigkeit es geküsst haben musste.»

Der Artikel handelt aber eigentlich davon, dass sich die Feuilletonisten über diese Mängel beklagen: «Dann liest man wieder allenthalben die Klage von den unpolitischen Künstlern. Dann beschweren sich wieder die hehren Feuilletonisten über die zügellose Innerlichkeit hiesiger Poeten, als wäre es die reinste Obszönität.»

Öhm …

An dieser Stelle sei eine Zwischenbemerkung zur Quantenmechanik dieser speziellen Journalisten-Gattung erlaubt: Ich gehe davon aus, dass kunstsachverständige Feuilletonisten über wichtige Kunst, also Ausstellungen und Werke berichten. Ihr untrügliches Gespür für Relevanz wird nur getrübt von dem, von dem sie denken, es sei vielleicht noch für ihre Lesenden relevant. Mit anderen Worten: abgesehen von ein paar Lesermarketing-Gedanken beeinflussen Feuilletonisten nur sich selbst. Sie berichten also über Kunst-Dinge, die sie für relevant halten. Sie zerren ans Licht und heben auf den Sockel, was sie für richtig halten und lassen alles andere links liegen. Wenn sie also lauter Leichtgewichte ins Rampenlicht stellen, warum beklagen sie sich dann darüber, dass sich diese über politische oder gesellschaftliche Veränderungen ausschweigen? Von nichts kommt nichts. Das wusste schon meine Grossmutter.

Wenn jemand also von Anfang an vorhat, sich zu beklagen, dann setzt er alles daran, um einen beklagenswerten Zustand herbeizuführen …
Umgekehrt wäre es natürlich viel sinnvoller und auch erbaulicher, zumindest für andere (als die Kläger): Wenn politische Statements Kunstwerken Relevanz verschaffen, dann bitte künftig einfach diese und ihre Schöpferinnen und Schöpfer besprechen! Danke.

PS: Ich kann bei Duchamps Treppen steigendem Akt beim besten Willen keine politische Aussage ausmachen. Ebenso beim Axt schwingenden Hodler, der heutzutage höchstens politisch wird, weil er bei einem Tribun hängt. Apolitische Kunst gab es zu allen Zeiten. Dass heute fast nur noch solche zu Ruhm gelangt, hat stark mit dem zu tun, was das Feuilleton aktuell an die grosse Glocke hängt.

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