Von Kunst, Luxus und politischen Verrenkungen

lateinisch luxus, zu: luxus = verrenkt, ausgerenkt und eigentlich = Verrenkung (im Sinne von »Abweichung vom Normalen«)

lateinisch lux (Genitiv: lucis) = Licht

Wie so oft wirft der Duden mehr Fragen auf, als er beantwortet: Ist Luxus nun eine Verrenkung oder etwas für Pflanzen, Menschen und andere Tiere Unverzichtbares? Verstehe die Lateiner, wer will. Ich halte mich an die zweite Bedeutung. Vor allem, weil sie meiner Argumentation punkto Kultur so wunderbar Boden gibt.

Immer wieder wird betont, dass Kultur bzw. Kunst Luxus und also verzichtbar sei. Dass gewisse Ausstülpungen des Kultur-/Kunst-Betriebes tatsächlich Verrenkungen sind, mag ich gar nicht in Abrede stellen. Dieses Kriterium erfüllt aber auch die Politik  – sowohl im Bezug auf die Verrenkung, als auch bezüglich der Abweichung von dem, was eigentlich normal wäre – ohne dass es jemandem in den Sinn käme, Politik als Luxus zu bezeichnen.

Wie es von diesen bildhaften Ursprüngen zur aktuellen Bedeutung von «Luxus» kommen konnte, ist mir als Ungebildetem rätselhaft:

Luxuskostspieliger, verschwenderischer, den normalen Rahmen (der Lebenshaltung o. Ä.) übersteigender, nicht notwendiger, nur zum Vergnügen betriebener Aufwand; Pracht, verschwenderische Fülle

Aber dies ist letztlich nur ein Beispiel für die fortschreitende Pervertierung der Bedeutung von immer mehr Wörtern und die Aushöhlung von ganzen Sätzen zu reinen Phrasen. Wie dem auch sei. Das Volk hat immer recht. Und Hand aufs Herz: Es bräuchte sie tatsächlich nicht, meine Ausstellungen, meine Bilder, auch nicht meine Bücher, meine iBlöds, nicht einmal diese Zeilen – alles reine Verrenkungen, jenseits des Normalen. Es ginge für andere alles oder fast alles so weiter wie bisher, es bliebe alles beim Alten oder würde sich auch ohne ändern. Sicherlich entstünde kein Mangel. Aber sie sind nun mal da.

Vollkommen überflüssig.

Das kann ich von der Gegenwart anderer in meinem Leben nicht behaupten. Im Gegenteil: Ihre Anregungen haben Licht in mein Leben gebracht. Insofern sind sie für mich so wenig entbehrlich wie die Erfindung der Glühbirne. Viele meiner Ideen sind erst entstanden, weil ich mich mit Ideen von Freunden und Fremden oder direkt mit den Urhebenden auseinandergesetzt habe. Und – wie im Falle der COLLABS – ist auch erst durch ihren Beitrag ein Ganzes entstanden.

Subventionierung von Luxus

Nichts gegen Landwirtschaft. Nichts gegen Subventionen. Jedenfalls nicht per se. Die Landwirtschaft dient mir hier nur als Beispiel: In der Schweiz gibt es aktuell 52’232 landwirtschaftliche Betriebe. Im Schnitt wird jeder Betrieb jedes Jahr allein durch Direktzahlungen des Bundes mit 70’211 Franken subventioniert. In der Landwirtschaft sind zur Zeit 155’000 Menschen voll (44,9 %) oder teilzeitlich beschäftigt. Pro Kopf macht die Subvention also 23’660 Franken. Hinzu kommen Kantonssubventionen in ungefähr derselben Höhe.
Dies ist also ein Wirtschaftszweig, der führwahr in mindestens zwei von drei Definitionskategorien als Luxus bezeichnet werden kann. Wir sind etwa so weit von der Selbstversorgung entfernt wie ein Flug-williges Kaninchen vom Mond. Und dass sich dieser Wirtschaftszweig nicht lohnt und eigentlich ebenfalls zur Sozial-Industrie gezählt werden müsste, ist so klar wie eine wolkenlose Sternennacht. Und dennoch leisten wir uns diesen Luxus. Noch dazu, ohne ihn als solchen zu deklarieren.
Würde man solches Handeln im Bereich Kultur/Kunst ebenso tolerieren? Würde dasselbe Aussmass an Unterstützung dieser scheinbar nutzlosen Disziplinen ebenso unwidersprochen, wenn es so budgetiert würde?
Wir werden es sehen, wenn beispielsweise die SP des Kantons Zürich das doppelte Kulturprozent und dessen Festschreibung als fixen Budgetposten verlangt.
Was mich aber noch viel mehr umtreibt, ist folgende Frage: Wird es uns als Gesellschaft gelingen zu verstehen, dass Kunst/Kultur nichts mit Luxus im Sinne von Verschwendung zu tun hat, sondern absolut notwendig ist, weil sozial, bildend, integrativ, sinn- und heimatstiftend, kritisch und letztlich durch ihre Impulsivität nicht nur standort- sondern sogar wirtschaftsfördernd ist.

Dann wären meine Zeilen weder eine Verrenkung noch Luxus im Sinne von überflüssig gewesen.

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