Zum Nationalfeiertag.

Das haben wir uns fein ausgedacht: Eine Nation braucht Grenzen um eine Nation zu sein. Und Grenzen braucht es, weil es Unterschiede gibt. Und Unterschiede braucht es, um «unsere Werte» zu definieren. Die einen denken und handeln mehr oder weniger demokratisch, andere denken eher an sich selbst. Die einen haben es ruhig, die anderen weniger. Die einen haben viel, die anderen nicht. Wir definieren uns also – stark vereinfacht – über Unterschiede und grenzen uns gegenüber unseren Nachbarn ab. Können wir darauf stolz sein? Etwa darauf, dass Grenzen dafür sorgen, dass wir zu etwas «Mein» sagen und es auch behalten können, ungeachtet dessen, wem wir es abgenommen und hinter unsere Grenzen, in unsere Höhle getragen haben?

Dieser Fokus – auf die Unterschiede schauen statt auf die Gemeinsamkeiten – ist schon schwer zu ertragen. Aber noch schlimmer wird es durch die Bewertungen eben dieser Unterschiede. Angefangen bei der Hautfarbe. Mein erster Lehrer musste sich immer wieder auf die Zunge beissen, um sich die abwertenden Bemerkungen über Schwarze (die ihm sonst locker über die Lippen gekommen wären, aber nicht mehr als politisch korrekt galten) zu verkneifen. Heute – vierzig Jahre später – könnte er wieder frisch-fröhlich und frei Schnauze vom Leder ziehen. Er würde dann zwar suspendiert, könnte aber gut von seinen Followers leben. Können wir darauf stolz sein?

Stark unterschieden und einseitig bewertet sind beispielsweise auch die verschiedenen Ausbildungen: Der eine hat studiert, der andere nur einen Beruf erlernt, vielleicht sogar nur ein Handwerk. Dass ersteres weit mehr Ansehen geniesst, als letzteres, ist zwar nicht logisch, sondern lediglich menschlich begründbar und eine Folge der Akademisierung unserer hiesigen Gesellschaft. Doch ist dieses Dogma einmal installiert, ist es ganz praktisch und zeigt bereits Auswirkungen: Eben vermeldeten die deutschen Medien einen akuten Fachkräftemangel bei den Malern und Gipsern und dass die Unternehmen keine Aufträge mehr annehmen könnten. Man stelle sich vor, die Studierten und die überbezahlten Banker mit all ihrem Renommée und all ihrem Geld hockten in ihren Häusern, die innen und aussen langsam verrotteten und einfach nur noch Scheisse aussähen, weil keiner mehr da wäre, der sie instand halten wollte. Blödes Beispiel, gell? Vor allem, weil sich die betroffenen Branchen ausgerechnet jenseits der Abgrenzung nun nach fremden Fachkräften umsehen. Dasselbe in der Schweiz. Noch blöderes Beispiel und abermals keine nationale Errungenschaft, auf die wir stolz sein könnten.

Doch zurück zu den Abgrenzungen durch als gut bzw. schlecht bewertete Unterschiede: Es muss wohl auch zwei Sorten von Menschlichkeit geben. Die eine ist die hierzulande viel gepredigte mitfühlende, hilfsbereite und verantwortungsbewusste allen Menschen gegenüber. Die andere ist jene, die genauso ist, aber nur jenen gegenüber, die es verdient haben: Solche, die schliesslich etwas geleistet haben in ihrem Leben. Und zwar hier, innerhalb unserer Grenzen. Und wer es nicht verdient hat, weil seine Leistung in unserem Wertesystem gering geschätzt und seine Not nicht im Mindesten nachempfunden wird, bekommt stattdessen unsere ganze Härte zu spüren. Flüchtlinge werde als Wirtschaftsflüchtlinge bewertet und hinter den Zaun oder noch besser hinter die Grenze gestellt. «Gottlob!» sagt da der Christ, «haben wir keinen Meeranstoss. Sollen sich doch die anderen um die Nichtschwimmer kümmern.» Wieder leisten uns unsere Grenzen gute Dienste. Aber können wir darauf stolz sein? Nationalstolz?

Ich weiss nicht, woher Nationalstolz nehmen. Sind Fremdenfeindlichkeit und Teilnahme an der globalisierten Ausbeutung schweizerische Errungenschaften? Sind Gleichgültigkeit oder Ignoranz gegenüber Schwächeren etwas, worauf man als Staatsbürger stolz sein kann? Im Augenblick empfinde ich mein Schweizersein eher als eine Stattsbürgerschaft. Und nur falls mir jetzt jemand zuruft: Dann geh’ doch! Das kann ich mit gutem Gewissen ablehnen. Hier gibt es viel zu tun. Denn so klein dieses Land auch sein mag, es richtet – nebst Gutem – auch grossen Schaden an.

Und Stolz ist wohl sowieso nicht das richtige Wort.

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