Hyperaktiv?

Ist die Welt schneller geworden? Oder wurde ich mit den Jahren einfach nur langsamer? Ständig schiessen neue Ideen aus dem Boden, jede und jeder hat ein Projekt. Immer mehr scheinen den dringenden Drang zu verspüren, etwas zu verwirklichen. Darunter ist so viel Unausgegorenes, Frühgeborenes und das eine oder andere, dass besser gleich wieder verworfen worden wäre. Jedenfalls aus meiner Sicht. Vielleicht aus der Sicht von jemandem, der einfach kaum mehr Ideen hat und nicht mehr mit der Zeit mitkommt?

Ein Stück weit kann ich das nachvollziehen. Schliesslich lernen immer mehr Menschen an irgendeiner Hochschule, wie man Projekte plant und verwirklicht. Irgendetwas muss man dann doch damit anstellen, oder? Und da die Profs nicht wissen können, was sich ihre Lernbefohlenen in ihrem Leben alles ausdenken werden, geben sie ihnen einfach möglichst viele Werkzeuge mit auf den Weg. Aber eines lassen sie weg. Es ist eine einfache Frage. Sie lautet «Warum?». Und die Antwort «Weil es noch keiner gemacht hat» ist kein Argument dafür, weiterzumachen.

Ideen sind etwas Sonderbares.
Zum Beispiel: Viele äussern den Wunsch, wieder zu einer Normalität zurückzukehren, und meinen damit wohl: Zurück zu dem, was vorher war. Doch wäre dies – wenn es möglich wäre, was es nicht ist – so erstrebenswert? Angesichts der Polarisierung während der inzwischen weit fortgeschrittenen Pandemie fragt jemand anderes, ob wir eine neue Debattenkultur brauchen. Als ob dadurch unsere Hirne und Herzen grösser würden, was wiederum dazu führen könnte, dass wir anderen mehr Raum gäben. Und wieder jemand anderes schlägt vor, dass wir uns künftig in einem METAversum treffen, um uns auch dort nichts zu sagen zu haben oder dort einfach dasselbe zu tun, was wir schon IRL krampfhaft versuchen: Etwas zu verwirklichen, bloss nicht uns selbst. Das findet nämlich auch bei all dem Aktivismus nicht statt. Denn Individualität wird vielleicht nicht überbewertet. Aber ganz oft falsch verstanden: Was macht es für einen Unterschied, ob ich bei einem Heer von Trychlern mitmarschiere oder bei einer Herde von Startup-Jüngern?

Die Warum-Frage.
Wenn andere finden, wir hätten jetzt alles geklärt, merke ich oft erst, dass ich noch Klärungsbedarf habe. Und solange die Warum-Fragen – bei Dingen nach dem Grund und bei Menschen nach der Motivation – nicht befriedigend beantwortet, ja in den meisten Fällen noch nicht einmal gestellt wurden, ist für mich gar nichts klar. Damit werde ich aber eins ums andere Mal zum fünften Rad am Wagen, oder schlimmer noch, zum Bremsklotz, mühsam, überflüssig, hinderlich.
Mit diesem Image ist es natürlich kaum möglich, anderen klarzumachen, dass ich mögliche und wirkliche Entwicklungen – zumindest in jenen Bereichen, in die ich mich eingelesen und intensiv darüber nachgedacht habe – oft drei, vier Jahre im Voraus sehe. Nicht, weil ich hellsichtig wäre. Sondern weil ich ganz einfach nicht so hyperaktiv auf den eigenen Nabel fixiert bin. Schaut man nämlich vom Nabel auf und den anderen zu, sieht man, wie sich etwas und das dieses Etwas Umgebende entwickelt, und oft auch warum.
Zwar verlangsamt dieses Einsinken in eine Materie im ersten Augenblick weitere Prozesse. Es verhindert aber auch Irrwege, offenbart Abkürzungen und notwendige Umwege, macht Hürden sichtbar, weist auf Widerständische hin und zeigt, wie man diese zu Verbündeten macht.

Der natürliche Widerstand.
Dieses schrittweise Vorgehen hat vor allem den Vorteil, dass ich die Warum-Frage immer wieder einbauen kann, wenn sie sich nicht von Zeit zu Zeit selbst stellt. Aber spätestens bei einem Widerstand hilft mir diese Frage. Ich kann berechnen, was ich an meiner Idee verändern muss, damit diese sinnvoll weitergeleitet wird. Ich lerne dabei Widerstand als Bauelement und jene, die Widerstand leisten, besser kennen und erfahre, warum sie Widerstand leisten. Ich erkenne, warum etwas nicht schneller geht, nicht schneller gehen kann. Und ich kann andere «Leiter» oder Bauelemente verwenden, mit denen ich meine Idee weiterentwickeln kann. Im besten Fall resultiert dabei eine durchdachte Lösung.

Ja, ich bin langsamer geworden. Relativ im Vergleich zu meinem früheren, überstürzenden Ich. Relativ auch, wenn man den wachsenden, aber nicht sichtbaren Anteil «Denken» mit dem schrumpfenden, sichtbaren Anteil «Handeln» vergleicht. Und relativ sowieso, gemessen an den Nachdrängenden, die sich nicht die Zeit nehmen zu fragen, warum, bloss weil sie wissen, wie.

Ach. Ich werde nicht langsam alt. Sondern schnell.

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