Der Mensch als heit geht mir total auf den Senkel.

Wenn ich dem Perron entlang an 15 oder 20 Menschen vorbeigehe, alle mit Genickschlag in ihr Mobilephone vertieft, denke ich: Wie sind wir doch – als Gesellschaft – verelendet, Lemminge, süchtig nach dem Abgrund. Wenn dann auch noch ein gutes Drittel von ihnen im Zuginnern ihren Scheiss über Lautsprecher ansieht, denke ich: Was sind wir für gleichgültige, rücksichtslose  Ärsche geworden! Was geht mich dein in doppelter Geschwindigkeit angeglotzter Verschwörungsscheiss an??? #vergiftedichbittemitdeinenKopfhörerndudumpfenuss.

Vielleicht bin ich ja einfach nur frustriert, weil jeder Katzenklo- und jeder Food-Post, jedes Kosmetik-Tutorial mehr likes hat, als meine sorgfältig geschnittenen Musik-Videos, von meiner Musik ganz zu schweigen. Wahrscheinlich ist dem so. Wie auch immer. Wenn Scheisse Relevanz hat, ist Relevanz Scheisse.

Aber Hand aufs Herz: Wohin bewegen wir uns als Menschenmenge eigentlich? Faktenfreie Behauptungen finden ihren Weg in die Medien und werden dort zu Wahrheiten, die bleiben, solange wir Elektrizität haben und die Menschen wie blöd drauflosgoogeln, die KI-Zusammenfassung oder den ersten Suchtreffer lesen und glauben. Verifizieren ist ja auch total überbewertet. Viel wertvoller ist unsere aufrichtige Entrüstung. So können wir Dampf ablassen. Aber warum stehen wir denn so unter Dampf? Es ist ein Hund, der sich in den Schwanz beisst.

HassduProblem mit mir?

Diese Entwicklung hat noch eine Fortsetzung: Innerhalb kurzer Zeit wurde ich zweimal blöd angemacht, einmal sogar bedrohlich. Kam ein junger Mann von draussen zu mir ins Zugabteil, baute sich vor mir auf und herrschte mich an: «HasssdueinProblemmitmir?!». Ich verneinte fast kleinlaut, so überrascht war ich von seinem Erscheinen. «Warumschausdudennnnsoblöd??» fragte er dann. Ich erklärte ihm, dass ich einfach die Menschen um mich herum wahrnehme, statt in mein Handy zu glotzen. Dies sei ja auch keine Pflicht. Und einigermassen gefangen hängte ich an: «Aber ich habe nicht speziell Sie angeschaut. Vielleicht nehmen Sie sich zu wichtig.» Das Siezen hat dann irgendwie geholfen, das Zu-wichtig-nehmen eher weniger. Aber er musste aussteigen. Wer weiss, was sonst passiert wäre.

Dennoch: Für mich steht fest, dass ich nicht so tun werde, als würde ich auf einen Monitor glotzen, bloss weil ich nicht auffallen will und weil andere nicht mit meiner Aufmerksamkeit umgehen können.

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