Auf der Strecke bleiben.

Ich sitze im Zug und bin gerade dabei, eine erboste Replik auf Hannes Nussbaumers Artikel «Ein ungutes Zürcher Zeitgeistprodukt» im heutigen Tages-Anzeiger zu schreiben, als der Zug eine Vollbremsung vollführt, an einer Stelle der Strecke, an der es sonst keinen Grund zum Bremsen gibt. Ich habe schlagartig ein Bild vor Augen. Die Strecke ist schliesslich bekannt dafür, aber eben nicht an dieser Stelle, auf einem Bahndamm, der Küsnacht teilt.

Ein paar Fahrgäste schauen sich fragend an, die meisten lassen aber keinen Augenblick von ihren eDevices ab. Sie horchen erst bei einer leicht zittrigen Durchsage auf: «Dieser Zug kann nicht weiterfahren auf Grund eines Personenunfalls… mit diesem Zug.» Dann bricht die Stimme ab. Schon hat der erste seine Büronummer gewählt: «Ich komme nicht rechtzeitig ins Meeting, weil sich so ein (…) vor den Zug geworfen hat… ja… ist mühsam…».
Ein paar schauen aus den Fenstern. Vielleicht sieht man ja ‘was.

Ich sitze knapp eineinhalb Stunden ruhig in meinem Abteil. Was mich am meisten beelendet, sind die Jugendlichen, die gerade mal ein paar Wochen in der grossen, grossen Stadt zur Schule gehen. Und unablässig schnattern und lachen. Und die verschiedenen Durchsagen nachäffen, einen Kanon mit dem Wort «Evakuation» anstimmen. Ich wäre am liebsten zu ihnen hin um ihnen zu sagen: «Ist euch eigentlich bewusst, dass unter uns gerade eine Seele aufgerieben wurde?!» Aber ich lasse es. Sie meinen es ja nicht despektierlich. Sie nehmen das Geschehene vielleicht nicht einmal in seiner Tragweite wahr.

In der Stadt, beim Aussteigen, grüsse ich jene, mit denen ich in dieser Zeit, die uns aus unglücklichem Anlass zusammengebracht hat, Augenkontakt hatte. Und ich wünsche ihnen einen ruhigen Tag. Die meisten nicken nur.
Was mir bewusst wird: Wie schnell doch eine Wut verflogen ist, wie relativ doch alles andere ist, wenn etwas passiert, das jemandes Existenz bedroht oder gar auslöscht.

Darum schreibe ich nun keine erboste Antwort auf den hetzerischen Artikel (Entsolidarisierung der Kulturszene), sondern werbe für Solidarität unter Kulturschaffenden und -vermittelnden, aber auch bei allen, denen eine reichhaltige, lebendige Kultur am Herzen liegt: http://prokultur-zuerich.ch/mitglied-werden/

Nachtrag: Ich will zwei Erlebnisse – ein kurzes, heftiges und ein versöhnliches – gleichentags nicht unterschlagen. Als ich mich, noch in Gedanken versunken, im Kiosk zum Gehen wandte, übersah ich eine ältere Dame und konnte gerade noch innehalten. Sie meinte lachend, jetzt sei sie fast von einem gut aussehenden Mann überrannt worden.
Abends dann traf ich eine Nachbarin, mit der ich sonst morgens im gleichen Zug zur Arbeit fahre, im Bus. Sie fragte mich, ob es für mich schwierig gewesen sein, heute früh nach Zürich zu gelangen. Ich sagte nur, dass wir eben alle, nachdem der Zug zur Not gebremst hatte, rund eineinhalb Stunden eingeschlossen waren. Da dämmerte ihr, dass ich in jenem Zug gesessen hatte, währenddem sie einen späteren genommen hatte. So begannen wir ein wenig über das Leben zu sprechen. Und den Ärger, der vielleicht doch nicht so gross und es auch nicht wert ist, sich lange damit aufzuhalten. Nun weiss ich ihren Namen und kenne ihr Gesicht ein wenig näher.

Danke für den Tag. Und einen ruhigen Abend euch allen.

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