Leistungsgesellschaft?

Vielleicht sollte ich etwas zu meinem letzten Beitrag «Ausser Betrieb» und den Gedanken zum gesellschaftlichen Nützling/Schädling nachtragen: Ich bin nur zur Hälfte ein klassisches Kind der Arbeiterklasse. Mein Grossvater mütterlicherseits war Fabrikarbeiter und als solcher – wie ich erst vor zwei, drei Jahren erfahren habe – eingefleischter Sozialdemokrat mit Parteibüchlein und allem. In der Familie meines Vaters waren fast alle Musiker und er als einziger Nicht-Musiker im Prinzip das schwarze Schaf. Er begann seine Karriere, so die Legende, als Balljunge auf dem Tennisplatz und wusch Leichen, bevor er endlich einer Schreinerlehre beginnen konnte. Am Ende seiner Laufbahn lehrte er Schindler-, Siemens- und Porsche-Managern neue Methoden der Unternehmensführung.

Bei alldem ist er wohl mehr Freigeist geblieben, als ich es je sein werde. Denn zum einen arbeitete er, weil es ihm eine Lust war (die auch noch seiner Verpflichtung, die Familie durchzubringen, entgegenkam), und zum anderen weinte er nach getaner Arbeit seiner Karriere keine Träne nach. Und gelebt hat er wie verrückt, ob da nun Geld vorhanden war oder nicht.
Die Lust an der Arbeit teile ich mit ihm. Ich bin ein Überzeugungstäter, was es für meine Mitmenschen manchmal auch schwierig macht, mit mir auszukommen. Und «Arbeitszeit» hat für mich relativen Charakter. Manchmal dauert eine Stunde eben länger, manchmal kann man eine zweistündige Sitzung nach fünf erfolgreichen Minuten auch beenden. Woher auch immer diese Gefühle, als Kranker nutzlos zu sein, kommen … ihr Ursprung muss tiefer liegen.

Nanni bezeichnet in ihren Zeilen an mich Krebs als die Zuvielisationskrankheit schlechthin. Ich füge dieser noch eine ebenso gefährliche hinzu: Effizienz. Angesichts des – aus meiner Sicht – meist falsch verstandenen Effizienzdenkens unserer Gesellschaft muss ich mich sowieso fragen, warum ich mich mit diesen Gedanken quäle. Wenn 50 Prozent unserer Arbeitskraft und ebensoviel Kreativität nur darauf verwendet wird, sich gegen andere durchzusetzen und ein Grossteil unserer Energie dabei draufgeht, weil wir uns über unser Scheitern ärgern, dann habe ich eine deutlich bessere Effizienz-Quote und könnte mich wohl für den Rest meines Lebens (der hoffentlich noch gross und festlich ist) bei einem Negroni zur Ruhe setzen. Könnte. Wenn ich könnte. Mein Pflichtbewusstsein bleibt, ganz gleich wie viele Negronis es wären. Ich habs probiert.

Ich bekomme etwas von der Gesellschaft. Ich gebe ihr etwas. Wahrscheinlich strebe ich wie die meisten Lebewesen nach einem Ausgleich. Dass dieser nicht logisch bemessen werden kann, sondern nur gefühlt, ist doch logisch, oder? 😉

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