Warten, nicht abwarten.

Zwanzig Tage zwischen Urteilsverkündung und Vollstreckung, zwischen dem Moment, in dem mir der Chirurg eröffnete, dass der Tumor definitiv mit der Niere raus muss und dem tatsächlichen OP-Termin. Ich will das nicht dramatisieren. Es ist einfach verdammt viel Zeit zum Nachdenken. Für jemanden, der in seinem Leben noch nie ernsthaft körperlich erkrankt ist und solcherlei Leiden bisher nur vom Hörensagen kannte, zum Beispiel von meiner Tochter und ihrer Lazarett-Fraktion im Ballett.

Zwanzig Tage sind ausreichend Zeit, um auch meine laufenden Arbeiten zu organisieren und so zu übergeben, dass sie ohne mich weiterlaufen. Und dennoch wird es am Ende knapp. Weil Zeit verstreicht, in der ich immer wieder über die kommenden Tage und Wochen nachdenke.
Dass mir ausgerechnet jetzt ein wunderbares Körperbild von Joanna Moehr auf Facebook ins Auge sticht, dass ich mir dieses als Grundlage für eine COLLAB mit ihr aussuche und dass ich mich in der Folge sehr schwer tue, es so hinzubekommen, wie ich mir das vorstelle, das sind wohl alles keine Zufälle.

Dieses Bild ist so zart, nur wenig mehr als die Andeutung von Körper und Präsenz, dass jeder Eingriff schnell dazu führen kann, die Andeutung kaputt zu machen. Körper … Eingriff. Etwa vier mehr oder weniger kurze Schnitte werden meinen Körper in wenigen Tagen zieren. Vorbei ist es dann mit der glatten Oberfläche. Sicher, ich werde wieder zuwachsen. Aber es wird nicht mehr das selbe sein.

Ich kann mich nicht erinnern, mich je so intensiv mit meinem Körper auseinander gesetzt zu haben. Er ist zwar kein Modell «Athlet», aber er hat immer mehr oder weniger funktioniert. Sicher, Gelenkbeschwerden habe ich seit 20 Jahren. Doch ich konnte sie mir auf Grund der exzessiven sportlichen Jugendzeit einfach erklären und mich langsam daran gewöhnen. Das ist kein Vergleich mit dem aktuellen Befund und dem bevorstehenden Hick-hack.

Die Idee, ich würde bis zum letzten meiner Tage so zart bleiben, ist viel mehr als eine Idee. Die Variante «Lederstrumpf» ist weit wahrscheinlicher und andeutungsweise auch schon Alltag. Und dennoch: Joannas Aufnahme zeigt einen tief sitzenden Wunsch, jener von Unversehrtheit, von Glücksgefühlen, wenn Haut auf Haut kommt, wenn jeder Nerv angeregt wird und jede Pore ihren Zweck erfüllt: Leben atmen.

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6 Gedanken zu „Warten, nicht abwarten.“

  1. Lieber Stefan
    ich wünsche Dir alles Gute und baldige Genesung. Ich gebe Dir dabei weder Tips noch sage ich, wovon sowas kommt. Das hast Du ja sicher schon zur Genüge bekommen und vieles kann man auf nichts zurückführen.
    Toitoitoi und Ohren steiff halten!

    1. Lieber Tobias
      woher es kommt, weiss ich genau genug: von nahezu 54 Jahren leben 🙂 Ich bin die Summe dieser Tage. Und wenn nun von dieser Summe etwas abgezogen wird, kann es durchaus sein, dass ich mich danach etwas erleichtert fühle. Habe ich mir jedenfalls vorgenommen.

      Danke für deine guten Wünsche. Liebe Grüsse | S.

  2. Meine besten Wünsche zu dir – alles Gute und viel Kraft für die bevorstehende (und auch die jetzige) Zeit.

    Eure Collab gefällt mir gut. Ich mag die Kombi von Text und Bild sowieso immer sehr, euer Konzept ist überzeugend, tief und ästhetisch. Sehr schön. Viel Glück damit!

  3. Lieber Stefan
    Das Bild ist wunderschön, diese Andeutung von Perfektion, so zart. Und die Wörter dazu … Wir leben schon so lange mit unserem Körper – ich bereits 10 Jahre länger wie du – und bisher waren die Veränderungen schleichend. Viel Kraft wünsche ich dir, Stefan. Und eine neue positive Körperbewusstsein danach. Alles Liebe
    Fiammetta

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