Blutgeld?

Stellen Sie sich vor, Sie machten Tag für Tag einen guten Job und bekämen sogar Lob von allen Seiten. Auch würde Ihnen dann und wann vollmundig versichert, dass es Sie brauche. Und am Ende des Monats, dann, wenn die anderen ihren Lohn auf dem Konto haben, entschiede das Los, ob Sie für Ihre harte Arbeit entschädigt werden. Das klingt doch absurd.
Es beschreibt aber ziemlich genau die Situation, in der sich die Kulturförderung befindet.

Die Kulturförderung des Kantons Zürich wird – mit Ausnahme des Operhauses und des Theater Kanton Zürich – nämlich seit ein paar Jahren und noch bis mindestens 2021 ausschliesslich aus den Einnahmen aus dem Glücksspiel finanziert.
Das bringt die Kulturschaffenden grundsätzlich und im Zusammenhang mit der Abstimmung zum neuen Geldspielgesetz ganz konkret in eine ungemütliche Lage: Setzen sie sich für ein Ja ein (um auf ihre Kosten zu kommen), stimmen sie a) dem Umstand zu, dass ihre Arbeit weiterhin durch das Unglück anderer in der Lotterie, an den Automaten und an den Roulette-Tischen gefördert wird, b) dass sie mit der Mogelpackung einverstanden sind, die hiesige Casino-Betreiber für den Bund geschnürt haben (im neuen Geldspielgesetz ist nämlich vorgesehen, dass nur «echte» und in der Schweiz ansässige Casinos auch virtuelle Glücksspiel-Plattformen betreiben dürfen) und c) als Konsequenz sogenannte Netzsperren für alle anderen befürworten.

An dieser Stelle sei festgehalten: Würde die Kulturförderung aus dem ordentlichen Budget finanziert, wie es sich für eine Staatsaufgabe gehört, wäre dieser Konflikt gegenstandslos.
Stattdessen findet sich die Kultur in einer ungemütlichen Sandwich-Position wieder, eingeklemmt zwischen den hiesigen Casino-Betreibern und all jenen, die sich ebenfalls ein Stück vom Markt holen wollen. Beide Parteien buttern zig-Millionen in den Abstimmungskampf. Und so sind rund um die ganze Geldspielgesetz-Diskussion die verschiedensten Absurditäten zu hören.

Da steigt eine im allgemeinen Ausland-feindliche Partei auf die Barrikaden, weil ausländische Spielbanken nicht am Mehr-Schweiz-Markt Gewinne steuerfrei abschöpfen dürfen. Da schreien ein paar Leute «Free Internet» in der Illusion, wenigstens etwas auf dieser Welt solle keine Grenzen haben und für alle gleich sein (währenddem einige Telecom-Abieter gerade am Netz 2.0 für Privilegierte arbeiten), und wieder andere fragen die Kulturschaffenden, ob sie ihre Arbeit wirklich mit Blutgeld bezahlt haben wollen. Blutgeld deshalb, weil der Glückspiel-«Markt» offensichtlich auch eine ideale Geldwäschemaschine ist.

Wie absurd das ganze ist, wird klar, wenn man «Kulturförderung» durch «Strassenunterhalt» oder «Bildung» ersetzt. Sollen unsere Strassen mit Blutgeld saniert werden? Soll es nur dann Bildung geben, wenn genug Geld im Lotteriefonds ist?

Die Kultur mit Glücksspielgewinnen zu finanzieren, ist eine Zumutung. Eine Zumutung, die nur der Kultur zugemutet wird. Eine Zumutung, mit der die Kultur leben muss. Kann sie es nicht, überlebt sie es aufgrund der aktuellen Finanzregelung nicht.

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