Ausnahmezustand

Nachkontrolle, Tag eins

Mein iCal meldet, dass ich in einer halben Stunde in der Radiologie zum CT erwartet werde. Ich weiss. Setze mich in die Strassenbahn. Die Dinge nehmen ihren Lauf. Gehe durch das Labyrinth des Universitätsspitals. An sich kein Grund für einen Schweissausbruch. Nehme meinen Patienten-Zettel in Empfang, fülle ihn wahrheitsgetreu aus. «Die Unterhose dürfen Sie anbehalten.» Die Pflegerin ist äusserst rücksichtsvoll, danke. Der Raum mit dem Tomografen ist auf gefühlt unter Null gekühlt. Kein Problem. Mein Arsch lief schon vor fünf Minuten auf Grundeis, als ich die angeschlagenen Seelen im Warteraum sah. Und immer wieder diese Stimme: Dummkopf! Bei der Untersuchung passiert nichts. Wenn was passiert ist, dann in den letzten drei Monaten. Du bist nur hier, um festzustellen, ob…

Ich liege auf dem Schragen. Sie legt mir einen Zugang. Ich bin heute sehr zugänglich. Meine Nierenwerte seien für einen Mann meines Alters im grünen Bereich. Sie könne mir also das Kontrastmittel geben. Mein Körper ist schon halb taub vor Kälte. Dennoch erste Feuchtigkeitserscheinungen. Weichei. Nach zwei Trockenübungen durch die Röhre ertönt eine Stimme: «Ich spritze Ihnen jetzt das Kontrastmittel, nicht erschrecken.» Und währenddem das Mittel zusammen mit einer Wärmewelle vom Kopf bis in die lendlichen Gegenden rauscht, laufen bei meinem inneren Scan bereits Bilder ab, die zeigen, wo überall etwas hängen bleiben könnte, weil dort etwas ist… Und mit jedem weiteren CT-Durchlauf konkretisieren und verdichten sich meine Befürchtungen, bis es überall vor meinem geistigen Auge hell leuchtet. Ich werde aufgefordert, den Atem anzuhalten. Danke, hab’ ich schon vor zehn Minuten. «Bitte atmen Sie weiter.» Ein Tomograf mit Humor.

«So, das wars schon.» Sie schaut leicht mitleidig. Ich ziehe mich wieder an, komme aus der Kabine und will mich verabschieden. Dabei versuche ich, an irgendeiner Regung meiner Gegenübers einen Befund abzulesen, und als könnte die eine Gedanken lesen, sagt sie «Wir dürfen nichts sagen, und wir können nichts sagen.» Ich weiss.

Jetzt beginnt das Warten. 24 lange Stunden. Doch eigentlich warte ich schon etwas länger. Und habe noch weitere Untersuchungen vor mir. Mein Arzt spricht immer von reiner Routine. Ja aber so’was von.

Nachkontrolle, Tag zwei

Einigermassen gut geschlafen. Viel zu früh wach. Gutes Gefühl, ungutes Gefühl, gutes Gefühl. Espresso, am besten intravenös. Am Bus treffe ich eine Nachbarin. Wir sprechen nicht übers Wetter, denn es tropft ganz offensichtlich an uns herunter. Ihr Mobile klingelt. Ich nutze die Gelegenheit und setze mich im Zug woanders hin. In der grossen, grossen Stadt, da, wo die Leute selbst für einen Kaffee anstehen, muss ich immer erst einmal stehen bleiben. Heute ganz besonders. Ich habe Zeit. Ohne zu wissen, wieviel Zeit mir noch bleibt.

Ich sehe in die Gesichter der Leute, die mir entgegenkommen, mit mir die Strasse überqueren, in der Strassenbahn sitzen, mit sich beschäftigt sind, mental an Nägeln kauen oder wie ich neugierig ihre Welt mustern. Plötzlich stehe ich vor dem Trakt Nord des UniSpitals. Die automatischen Türen… müssen die mich so erschrecken?!
Dann sitze ich im Untersuchungszimmer, angespannt wie Davids Schleuder, als der Arzt kurz den Kopf zur Tür hereinstreckt: «Herr Weber, ich grüsse Sie! Das CT von gestern ist sauber!». Er weiss, wie man Menschen beruhigen kann. Fürs Erste. Der Pfleger meint, ich sähe entspannt aus. Nope. «Hätte ich Spinnenkräfte, würd’ ich jetzt die Wände rauf und runter spazieren.»

Dann werde ich präpariert. Der Arzt kommt nun offiziell* und erstaunt mich auch heute mit der Zuversicht, die er ausstrahlt. Ein Wort gibt das andere, sodass ich kaum merke, dass ich untersucht werde und er aufmerksam den Monitor beobachtet. Ich realisiere noch knapp, dass er seine Gerätschaften wieder herauszieht. Dann sagt er: «Es sieht alles gut aus. Keine Tumore weit und breit.»
«Das wars schon?»
«Das wars. Feiern Sie heute Abend.»

Nun, den Beschrieb des kleinen Tänzchens, den meine Nase, meine neu gewachsenen Locken, meine Füsse und auch alles andere innerlich vollführten, erspare ich euch. Ich wuchs dabei wieder auf Normalgrösse. Und die Verspannungen in Nacken und Schultern liessen merklich nach. Ach. Und an all die Menschen, die ich auf dem Heimweg anlächelte: Ich hatte nix böses im Sinn.

*An dieser Stelle danke ich dem Arzt ganz herzlich, dass ich fast meine gesamte Krankengeschichte lang mit ihm zu tun hatte und er sich im Rahmen seiner streng getakteten Zeit ein Bild von mir gemacht hat: DANKE.

Nachtrag: Ich hatte und habe natürlich die ganze Zeit über auch einen Plan B: So danke ich auch meiner Homöopathin (ja, das ist das mit den Chügeli), einer guten Zuhörerin, die mich fadegrad auf Widersprüche bezüglich der schulmedizinischen Behandlung und selbstverständlich auch auf jene in meinem Weltbild aufmerksam machte. DANKE.

Und: Ich bin dankbar für die Anteilnahme, das Verständnis und die guten Wünsche, die mir so viele Menschen in meinem Umfeld entgegengebracht haben. Prost.

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4 Gedanken zu „Ausnahmezustand“

  1. Ein wunderbarer, berührender Text – genau so geht’s einem bei diesen Untersuchungen; genau so fühlt es sich an. Was ich dabei (egoistisch) gedacht habe: “Gut, dass meine Nieren so schlecht sind, dass sie das Kontrastmittel schon mal gar nicht mehr vertragen.” So bleibt mir eine weitere CT-Erfahrung vermutlich für immer erspart. Eine der früheren war übel genug: Die “Pflegende” schickte mich praktisch in BH und Slip vor die Tür – auf die STRASSE. Ich konnte mich knapp noch anziehen, bevor sie mich handgreiflich rausschmisss. Die Qualitätskontrolle des Kantonsspitals St. Gallen fand das “in Ordnung”.

    1. Liebe Margrith, ich hoffe doch sehr, dass es deinen Nieren wieder besser geht und ein weiteres CT gar nicht nötig wird.
      Dein Erlebnis ist mir in dieser Form erspart geblieben. Ich habe jedenfalls meistens viel Rücksicht erfahren.
      Ich wünsche dir Gesundheit, alles Liebe
      Stefan

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